Palko und die bunten Stoffe - ein neuer Weg zum Modedesigner in München

Das Wichtigste in Kürze

  1. Bewerbung an der Designschule München

  2. Kommunikationsdesign - Ausbildung an der Berufsfachschule

  3. Modedesign an der Designschule München

  4. Der Auswahltag

  5. Mappenberatung - die Vorteile

Auf dem Tisch breitet er seine Skizzen, Fotos, Siebdrucke, Malereien sowie ein kleines Skizzenbuch aus. „Zeichnest du auch im Unterricht?“  Palko lacht: „Natürlich nicht!“ (…) „Du könntest vielleicht noch eine Bildergeschichte entwickeln. Und die Typografie in einigen Entwürfen zur Geltung bringen – etwa auf einem Plakat.“

„In der Bewerbungsmappe sollen ein – oder mehrere – übergeordnete, konkrete Themen mit sehr unterschiedlichen Techniken bearbeitet werden“, erklärt Manfred Ellenrieder, der nach seinem Abitur am Staatl. Max-Planck-Gymnasium in Pasing an der Münchner Akademie der Bildenden Künste studiert hat und Visuelle Kommunikation, Medientechnik sowie Kunst- und Designgeschichte unterrichtet. „Die Mappe, die bis 20.06.2023 ausschließlich als PDF einzureichen ist, sollte ein breites Spektrum mit einer großen Vielfalt an Ideen und Arbeiten enthalten.“

Die Deutsche Meisterschule für Mode – das ist ein Bildungszentrum, nahe dem Sendlinger Tor, mit vier Schulen unter einem Dach. Darunter die Städtische Berufsfachschule für Kommunikationsdesign und Modedesign. Das wirklich Neue ist die Klasse für Modedesigner mit 26 Plätzen, die am 12.09.2023 ihren Lehrbetrieb aufnimmt. Mit Mittlerer Reife Modedesigner werdenganz ohne Schulgeld, zur Hälfte Jungs und Mädchen - und ohne eine obligatorische Schneider-Lehre – das ist selbst in München der Aufreger. „Ihre große Lust an der Mode können sie uns in ihrer Mappe zeigen und dann startet für sie eine kreative Ausbildung, die aber auch handwerkliche Elemente beinhaltet“, betont Roland Müller-Neumeister, der als Künstlereischer Leiter der Abteilung Mode für Kollektionsgestaltung, Modeentwurf, Modezeichnen und Modegestaltung verantwortlich ist. Zum Angebot der Schule gehören u.a. mehrere Apple-Computerräume, Laptops und iPads zur Ausleihe, die kostenlose Nutzung der Adobe-Programme im schulischen Rahmen, Modewerkstätten mit modernster technischer Ausstattung und ein riesiges Stofflager, das wiederholt von Spenden aus der Industrie, zuletzt von Levis, profitieren konnte – bei einem monatlichen Kopier-, Verbrauchs- und Stoffgeld von zuletzt 110 EUR im Jahr. In einer Zeit, wo es in einer Stadt wie München - nach der Schließung von Karstadt am Bahnhofsplatz – kein einziges Stoffgeschäft mehr gibt. „In unseren Projekten lernen unsere Schüler in kleinen Teams, komplexe Aufgaben kundenorientiert experimentell angewandt zu lösen und präzise Ideen gegenüber dem Kunden mit Argumenten zu vertreten“, sagt Modedesigner Michael Wagner: „Unsere Schüler sind bei Designwettbewerben, wie etwa dem ADC-Award des Art Directors Club dabei. Und wir besuchen gemeinsam Mode-Events, wie die Stoff-Messe Première Vision Paris oder die Fashion Department Show der Royal Academy of Fine Arts Antwerpen.“ Das Ziel: Stilistische wie auch ästhetische Strömungen erkennen und diese mit technischem Knowhow in innovative Konzepte umzusetzen. Ein breites Angebot an Wahlpflichtfächer, wie etwa Modefotografie, Webdesign, 3D-Visualisierung oder Character Development unterstützen die Entwicklung einer eigenen Handschrift. Aus alten Norweger-Pullovern entwickeln die Schüler der Meisterschule für Mode unter Anleitung von Alexandra Biron von Curland, die fast 20 Jahre als Senior Designerin bei Escada im Product Development aktiv war, nachhaltige Mode. An mehreren Partnerhochschulen, wie etwa der Middlesex University London oder der Prag City University kann ich mit dem akkreditierten Abschluss der Designschule München mit 180 ECTS ins 7. Semester einsteigen und neben der Auslandserfahrung nach nur einem Jahr noch zusätzlich mit dem Bachelor abschließen – allerdings sind Studiengebühren um die 10 Tsd. EUR/ Jahr im Ausland üblich. Dr. Andrea Kluge, die auch an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle (S) als Lehrbeauftragte Kostüm- und Stilkunde unterrichtet, hat wiederholt Absolventen beim Einstieg direkt ins Master-Studium in Halle (S) unterstützt. Und auch ein Wechsel an die Universität für angewandte Kunst Wien in Grafik und Werbung oder in die Modeklasse mit dem Abschluss Mag. Art. (Magister artium) wurde – auch ohne Abitur – wiederholt genutzt.                    

Dichtes Gedränge in der historischen „Blumenschule“ am Sendlinger Tor. Die Schülerinnen und Schüler haben nur ein Ziel vor Augen: Die untere Turnhalle am Ende des Flures. Sie sind klatschnass – draußen regnet es in Strömen. Auf dem Boden der Turnhalle machen sie es sich bequem – so gut es geht. Die Kids packen ihre Skizzenblöcke aus. In der Mitte: Mehrere Gegenstände, die auf dem Boden stehen oder dessen Füße in die Höhe ragen. Was sie nicht wissen – es ist die gleiche Prüfungs-Aufgabe wie im Vorjahr. Dann wird es plötzlich ganz still. Zwei Lehrkräfte haben die Turmhalle betreten. „Sie sehen hier eine Anzahl Gegenstände stehen. Versuchen sie die Situation in schnellen, skizzenhaften Zeichnungen zu erfassen.“ Peter Schaller, Lehrkraft an der Designschule München, macht eine Pause: „Achten sie besonders auf Proportionen. Und auf die Plastizität in ihrer räumlichen Gesamtwirkung.“ Er schaut optimistisch: Am Ende geben sie bitte ihre beste Zeichnung ab. Sie haben bis 09:30 Uhr, also eine Stunde Zeit. „Für die Modedesigner werden wir voraussichtlich eine nackte Schaufensterpuppe dazu stellen“, so Modedesigner Michael Wagner: „Es geht darum, die Figurine modisch zu kleiden. Das Wichtigste bei der Bleistiftzeichnung auch hier: Die Proportionen.“    

Laut Stadtratsbeschluss darf die Schule in Kommunikationsdesign drei Klassen mit maximal 27 Schülern bilden plus eine zusätzliche Klasse für Modedesign ab 2023. Dozent Manfred Ellenrieder ist zufrieden: „Letztes Jahr hatten wir fast zweihundert Bewerber. Das Doppelte der Platzzahl, also 156 haben wir eingeladen.“ Er hat einige Bleistiftzeichnungen, die bereits abgegeben wurden, auf dem Tisch liegen: „Diese Zeichnung wirkt linear. Wie oben auf der Bühne.“ Er nimmt eine andere Skizze in die Hand: „Es geht um die Figuren im Raum. Und um den Raum selbst. Um die Stimmung. Hier sehen sie sehr schön den dreidimensionalen, plastischen Ausdruck.“ Maximal zehn Punkte gibt es für die räumliche Gesamtwirkung und die Erfassung des Gegenstands – also für das genaue Hingucken. Weitere zehn für die Zeichnerische Qualität und 5 für das formatfüllende Zeichnen.

Viel Zeit bleibt nicht. Denn nach einer halben Stunde Pause geht es in dem anderen historischen Gebäude der Deutschen Meisterschule für Mode am Roßmarkt schon weiter: In sieben unterschiedlichen Klassenzimmern im zweiten Stock haben jeweils 27 Schülerinnen und Schüler eine zweite gestalterische Aufgabe zu lösen, bei der das Finden einer Idee im Mittelpunkt steht: „In einem Theater ist der Bühnenbildner ausgefallen und gleich soll ein kleiner Bühnenbildentwurf vorgestellt werden, in dem die drei vorliegenden Motive integriert sind. Da sie findig sind und keine Textvorlage haben, erfinden sie kurzerhand mit den drei Bildmotiven eine kleine Szenerie, die durchaus absurden oder grotesken Charakter haben kann. Sie lassen ihre Phantasie walten und bauen aus dem mitgegebenen Papier einen kleinen, offenen Raum, in den sie die drei Motive integrieren und den Sie durch weitere „Einbauten“, Figur(en) und einen Hintergrund ergänzen.“ Fassungslos starren die Schüler das Arbeitsblatt an: Den kleinen Elefanten, das riesengroße, mechanische Stahl-Rad aus der Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, das von einer Dampfmaschine betrieben wird. Aber was ist das – ganz oben rechts? „Noch nie gesehen“, hört man es flüstern. Die Röhre aus einem alten Radio der 50er Jahre – damit kann wirklich keiner etwas anfangen. Wie soll ich eine Szene phantasiereich gestalten, wenn ich die Funktion dieses Bildelements gar nicht kenne? Hans sieht das nicht so eng und konzentriert sich auf die farbliche, stimmungsvolle Gestaltung. Denn es sind nur zwei Stunden Zeit. Er grinst: „Die Story kann ich mir später ausdenken.“ Aber für die handwerkliche Qualität aus Wellpappe/ Tesa und Klebestift gibt es nur 7 Punkte. Das Entscheidende sind Qualität und Stimmigkeit der Idee (18 Punkte). Dann beginnt das große Warten: Von 12:30 Uhr bis 18 Uhr sind die Einzelinterviews terminiert - jeweils 15 Minuten mit zwei Lehrkräften – Namenslisten hängen aus. Die meisten Punkte sind für eine gelungene Selbstpräsentation (25 von 50 P.) vorgesehen. Auch Fragen zu Lösungsstrategien bei der Bewältigung der Aufgaben und die Fähigkeit zur Selbstreflektion werden honoriert (15 P.), der Rest betrifft den persönlichen Werdegang und das Berufsbild des Kommunikationsdesigners/ Modedesigners und vor allem natürlich die Motivation, sich an der Schule zu bewerben. „Kommunikationsdesign ist keine freie Kunst, sondern ich arbeite für einen Auftraggeber, der ein kommunikatives Problem hat“, betont Designerin und Dozentin Annefei Borgs. „Daher haben Persönlichkeitseigenschaften wie Einfühlungsvermögen im Gespräch ein sehr viel stärkeres Gewicht, als die praktischen Skills, die ich erlernen kann.“ ‚Schön‘ sei im Kommunikationsdesign überhaupt kein Kriterium – die Botschaft müsse funktional sein und von der Zielgruppe verstanden werden.  

Die „Königsdisziplin“ an der Designschule München ist Visuelle Kommunikation mit zehn bis 14 Stunden wöchentlich, wo richtige kleine Agenturen, also Arbeitsteams, gegründet werden. Und Marketing ist das wichtigste Theoriefach, das mit einer schriftlichen Prüfung abschließt. Manfred Ellenrieder: „Das Konzeptionelle, also eine Idee zu entwickeln, ist hier an der Schule eine ganz besondere Philosophie.“ Man braucht jedoch eine gewisse Reife, um seine Ideen in Worte zu fassen und vor Auftraggebern argumentativ vertreten zu können. Bei den Arbeiten in der Bewerbungsmappe will man zumindest den unbedingten Willen zur Gestaltung sehen. Ellenrieder: „Malereien, Fotos von Sonnenuntergängen oder vom Hund sind nicht unser Thema.“ In die Mappe, die mit max. 100 Punkten ins Prüfungsergebnis einfließt, gehören etwa 20 digitale Arbeiten. Dies könnte z.B. eine Bildergeschichte mit mehreren Skizzen oder ein Werbeplakat mit unterschiedlichen Entwürfen enthalten sein. Dozentin Annefei Borgs: „Wenn sie beispielsweise einen Diskuswerfer zeichnen, die linke Schulter unten, die rechte oben, dann ist für uns interessant, wie sie den Oberkörper in seiner halben Drehung zeichnen.“ Sie lacht: „An der Art, wie die Falten an der Kleidung fallen, kann man sehen, ob ich eine gute Beobachtungsgabe besitze.“  Ellenrieder: „Bei drei Mappenberatungsabenden im Frühjahr kann ich durch Gespräche mit Lehrkräften oder Schülern abklären, wo ich zeichnerisch stehe.“ Die Schule erstellt übrigens einen Beratungsvermerk, der in die abschließende Entscheidung einfließt. Eine Schülerin aus dem zweiten Jahr: „Die Mappe soll ein bestimmtes Thema - zum Beispiel Mode - behandeln, das sich wie ein roter Faden durch die unterschiedlichen Arbeiten mit ihren immer neuen Fortschritten zieht. Idealerweise soll ein Prozess erkennbar sein, wie ich das Thema erschieße.“

Am Ende des ersten Schuljahres ist in Kommunikationsdesign eines von drei Profilfächern zu wählen: a) Typografie, b) Bewegtbild (Animationsfilm) oder c) Mode und zwar mit 6 Stunden im 2./3. Jahr. Annefei Borgs, die vor ihrer Lehrtätigkeit als Modedesignerin in der Sportindustrie arbeitet, unterrichtet Visuelle Kommunikation und Modezeichnen: „Wer als Kommunikationsdesigner das Modeprofil als Wahlpflichtfach gewählt und die Kurse in der Modewerkstatt und in Modeillustration besucht hat, kann im vierten Jahr noch zusätzlich die Fachschule für Schnitt und Entwurf besuchen, die nach nur einem Jahr mit dem ‚Staatlich geprüften Modellmacher der Fachrichtung Entwurf‘ abschließt.“ Sie lacht: „Aber unsere Berufsfachschule hat auch Vorteile: Sie bekommen hier für wirklich alles eine Anleitung. Sogar eine Programmschulung am Mac.“ Im Fach Medientechnik (4 Stunden im 1./2. Jahr) gibt es dafür vier IT-Räume in der „Blumenschule“ mit insgesamt 115 Macs. Die Schule ist eine Ganztagesschule (8 - 17 Uhr), in der Regel sind zwei Nachmittage frei.

Mappenberatung an der Designschule München: Auf dem Tisch breitet er seine Skizzen, Fotos, Siebdrucke, Malereien sowie ein kleines Skizzenbuch aus. „Zeichnest du auch im Unterricht?“  Palko lacht: „Natürlich nicht!“

Auf dem Tisch breitet er seine Skizzen, Fotos, Siebdrucke, Malereien sowie ein kleines Skizzenbuch aus. „Zeichnest du auch im Unterricht?“  Palko lacht: „Natürlich nicht!“ (…) Mappenberatung an der Designschule München, wo ab Herbst 2023 eine neue Ausbildung zum Modedesigner angeboten wird Foto: Uwe Kästner

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