“Mixing In The Box” - Ton und Bild studieren
Das Wichtigste in Kürze
Der Düsseldorfer Toningenieur
Studium an der Robert-Schumann Musikhochschule Düsseldorf
Mathe, Physik und Elektrotechnik an der Hochschule Düsseldorf
Workshop “Mixing in the Box”
Lautsprecherbau, Akustik und Bild- und Videotechnik an der Hochschule Düsseldorf
Das Auswahlverfahren
Die Schwerpunkte des Studiums
Die Alternativen: Medientechnik oder Musik und Medien
Karrierestart in der Musikindustrie - Absolventen erzählen
Die Red Bull Studios Berlin
„Welchen Aufnahmewinkel brauchen wir, um ein Schallereignis, wie ein Konzert, einzufangen?“ Prof. Dagmar Birwe will, dass jeder einzelne tontechnische Punkt symmetrisch so abgebildet wird, wie er der Realität entspricht. Birwe hat in Detmold studiert und auch 15 Jahre in München gelebt und Regie geführt, z.B. bei Mitschnitten des Symphonieorchesters des BR. In ihrer Veranstaltung Aufnahme- und Mikrofonverfahren spricht sie in Studio 1 der Robert Schumann Musikhochschule vor acht Jungen und einem Mädchen, die ihr in einer Linie gegenübersitzen: Studierende aus dem 2. Semester der beiden Studiengänge Ton und Bild sowie Musik und Medien.
Der Düsseldorfer Toningenieur blickt auf eine über fünfzigjährige Geschichte zurück. Die Idee schon damals: Lehrveranstaltungen an zwei verschiedenen Hochschulen. Künstlerisch-gestalterischer Einzelunterricht an der Musikhochschule wächst mit physikalisch-technischem Know-how in Ton- und Bildtechnik zu einer Einheit heran. Jobgarantie über Jahrzehnte: Im Hörfunk und Fernsehen von ARD und ZDF.
Vom Hauptbahnhof geht es mit der U78/79, vorbei an der Kö, der Einkaufs- und Flaniermeile Königsallee, bis Theodor-Heuss-Brücke – direkt am Rhein-Ufer. Es sind nur noch wenige Meter bis zur Georg-Glock-Straße. Der Betonbau ist mit hellem Klinker gefliest. Im zweiten Stock hat das Institut für Musik und Medien (IMM) der benachbarten Robert-Schumann Musikhochschule Quartier bezogen. Zahlreiche An- und Umbauten machen das Gelände zu einem zunächst schwer durchschaubaren Dschungel an Treppen und Gängen. Das Studium selbst ist nicht weniger komplex: Klassische Ingenieurelemente wie Mathe, Physik, Informatik oder Elektrotechnik bestimmen (Mo./Mi./Fr.) das erste Jahr an der Hochschule Düsseldorf (oben), verknüpft mit musikalischen Grundlagenfächern wie Musikwissenschaft, Tonproduktion oder Mediengeschichte am Dienstag und Donnerstag an der Robert-Schumann Musikhochschule (Mitte).
„Je weiter wir von der Schallquelle weggehen, desto kleiner wird der Aufnahmewinkel. Und das hat Auswirkungen auf die Klangfarbe.“ Die Balance zwischen den Instrumenten soll ausgewogen sein. Aber Instrumente in der Nähe des Dirigenten, wie z.B. die Triangel, sind lauter, als solche im Hintergrund, wie die Harfe. Prof. Dagmar Birwe erklärt: „Wenn ich mit dem Ziel einer guten Raumakustik von der Schallquelle weiter weggehe, wird das Signal räumlicher.“ Aber durch die geringe Tiefenstaffelung erhöht sich die Homogenität des Klangbildes. Für Orchesteraufnahmen wählen daher viele Tonmeister unter anderem auch den Platz in zwei bis 3 Meter Höhe über dem Dirigenten.
Birwe öffnet eine Schachtel und übergibt ein Stereomikrofon an die Studierenden. Damit es jeder einmal anfassen kann: „Mit rund tausend EUR ist das SM 69 relativ teuer. Aber es ist auch einiges drinnen verbaut. Oft ist es bei Rundfunkanstalten zu finden“, erklärt Birwe. „Die obere Mikrofonkapsel ist drehbar, die untere fest mit dem Gehäuse verbunden.“ Sie lacht: „Und vorne ist dort, wo das Neumann-Schild klebt.“ Fast verlegen fügt sie hinzu: „Jeder liebt natürlich ganz bestimmte Mikrofone, weil sie eine sehr spezielle Klangfarbe haben…“
In dem Workshop „Mixing In The Box“ soll jeder Studierende eine eigene Musikproduktion mitbringen. Wir sind in der Tonregie 1 der Robert Schumann Musikhochschule. Jan (4. Sem.) hat in seinem Mix – stilistisch ein soliger Pop – alle Files in das Programm Cubase integriert. Und digital die einzelnen Töne höher gepitcht: „Das ist ein kompletter Kopfhörermix. Ich habe vier bis 6 Stunden geschnitten.“ Typisch für Rock und Pop. Zuerst wird die Stimme gefiltert. Und dann werden Keyboards und zuletzt die Bass Drum darum herum gebaut. In Klassik wird gar nicht gefiltert. Und im Jazz nur „homöopathisch“. „Was hat euch denn mega-gut gefallen?“, fragt Manuel Glowczewski, den Prof. Werner Roth als Gast aus der Praxis mitgebracht hat. „Ich fand den Hall schön. Besonders bei den Drums“, sagt Lambert. „Und die Stimme – sehr angenehm.“ Toni ergänzt: „Das Zusammenspiel der Instrumente und die räumliche Wirkung.“ Daniel sieht das etwas anders: „Das Piano schwebt so schön. Hat Charakter. Aber beim Gesang ist die Stimme eher trocken. Matt, wie ein Vorhang, der sich davor befindet.“ ‘Mixing In The Box’ beschreibt alle Mix-technischen Vorgänge, die ITB, also innerhalb der Digital Audio Workstation, der DAW, ablaufen. Zum Beispiel Klangbearbeitung, Lautstärken, PlugIns oder die Summierung der Einzelsignale.
„Das Ziel ist immer, ein perfektes Frequenzspektrum zu erzeugen“, betont Prof. Roth. „Dabei darf die Stimme aber nicht ins Nebengleis geraten. Es ist tödlich, wenn man das missachtet. Denn die Fans kaufen die Platte nicht wegen der Snare, sondern wegen der Stimme von ihrem Idol.“ Er spielt ein Beispiel mit Whitney Houston ein: „Durch die Verstärkung der Höhen klingt das, als ob sie direkt an deinem Ohr singt.“ Die Jungs grinsen.
Manuel Glowczewski, der Gast aus der Praxis, ergänzt: „…die Höhepunkte betonen: Immer tiefer runtergehen und dann schlagartig in die Höhe. Also absenken und anheben. Das ist ein Fundamentalsatz.“ Er lacht: „Abgespeichert?“ Roth: „Und die Bass Drum wird zum Schluss richtig reingenagelt. Aber nicht; Duck-duck, duck… Der Drummer muss richtig laut sein – baff!“
Am Nachmittag stehen an der Musikhochschule praktische Aufgaben auf dem Stundenplan. Arbeit an eigenen Projekten. Zum Beispiel im Bildschnitt und im Bereich Farbkorrekturen mit dem Avid Media Composer.
Weiter geht’s am nächsten Vormittag mit dem Seminar Grundlagen der Tonproduktion: Während das Auge bei seinem 360 – Grad – Fokus vergleichsweise langsam ist, beantwortet die akustische Erfahrungswelt dagegen sofort die Frage, ob freies Feld oder geschlossener Raum. Denn die Information ist von zentraler Bedeutung für die Orientierung des Menschen. Prof. Roth erklärt, wie die Tontechnik diese Wahrnehmungswelt nutzt: „Wenn ich höhere Frequenzen in den Ton mische, nähert sich das sichtbare Objekt in meiner subjektiven Wahrnehmung. Tiefen bewirken dagegen, dass der Eindruck entsteht, die Entfernung sei viel größer. Es kommt also darauf an, welche Wirkung ich mit meinen Klangbildern erreichen will.“
Der Fachbereich Medien der Hochschule Düsseldorf ist in den 2,5 km entfernten Neubau am S-Bahn-Halt Düsseldorf-Derendorf umgezogen. Vor dem Eingang eine vier Meter große Skulptur, die eine Hand mit Stift darstellt.
Im 3./4. Semester steht hier Akustik auf dem Stundenplan. Ein Teil davon ist das Praktikum „Lautsprecherbau“. Bei der Suche nach dem perfekten Klang geht es aber nicht nur um Musik, sondern auch um Spezialgebiete: Ob beim Auto oder beim Rasierapparat – der Sound entscheidet mit darüber, ob das Produkt ein Erfolg wird. Auch das Ohr isst mit. Daher muss der Keks vor allem eines - lecker knacken.
Regieraum der Düsseldorfer Hochschule – Prof. Leckschat unterrichtet hier im 5./ 6. Semester Tonstudiotechnik. Herz der Tonregie ist ein 16x16 Madi-Router: „Das ist kein Mischpult, sondern vereinfach gesagt: Eine Tastatur“, sagt Silas (5.Sem.): Die Tonmischung findet digital in dem Großrechner im Nebenraum statt.“ Audiosignale aus dem Aufnahmeraum können auf ein Multi-DAW-System mit einer Avid S6 Konsole geroutet werden. Hier ein 360 Grad-Rundgang. Es geht um „Cubase“, eine Software, die sich für Musikproduktionen besser eignet, als Pro Tools. „Nach der Aufnahme werden einzelne Signale lauter bzw. leiser eingestellt. Oder dem Drumset, also dem Schlagzeug, wird ein künstlicher Hall hinzugefügt“, erklärt Leckschat. Mit „Chors“ kann ich eine virtuelle Gitarre als Effekt so erklingen lassen, als ob mehrere Gitarren „im Chor“ spielen würden: „Cubase verdoppelt das Signal mehrfach und verschiebt es in der Zeit und in der Tonhöhe.“
In Bild- und Videotechnik geht es mit Prof. Bonse und Prof. Herder ins virtuelle Studio. Multiview Video Coding (MVC) steht auf dem Programm. Die Studierenden lernen, wie mehrere, simultan arbeitende Kameras eine Person - vor dem Greenscreen - aus unterschiedlichen Blickwinkeln filmen, so dass eine räumliche 3D-Ansicht entsteht. Die unterschiedlichen Trackingdaten machen es möglich, dass der Betrachter seinen Standpunkt und die Betrachtungsrichtung später selber bestimmen kann, wenn er die gefilmte Person in einer virtuellen Realität dreidimensional erlebt. Etwa bei Games.
Für die chronisch klammen Studies gibt es im benachbarten ZDF-Landesstudio NRW immer wieder Möglichkeiten, als studentische Hilfskraft oder Werkstudent Praxisluft zu schnuppern. Vor allem am Vorabend der täglichen ZDF Live-Sendung „Volle Kanne – Service täglich“ um 09:05 Uhr, die hier produziert wird. Zum Beispiel als Kabelhilfe oder beim Vorbereiten der „Bauchbinden“. Und oft wurde aus einem Studentenjob auch mehr und so sind ein Großteil
der Ton- und Bildingenieure und der Cutter bei den „Mainzelmännchen“ Absolventen des B.Eng. Ton und Bild. Sie bedienen zum Beispiel ein Mischpult in der Regie, wie das mc²96 vom Lawo, Schneiden die Emotionen des Tages von einem Bundesligaspiel von Fortuna Düsseldorf zusammen oder gleichen im Master Control-Room den unterschiedlichen farblichen „Look“ der einzelnen Kameras an.
IMM der Robert-Schumann Musikhochschule: Während der Instrumentalunterricht vertieft wird, gibt es ab dem 5. Semester Wahlpflichtfächer: Aus acht Bereichen kann ich 2 unterschiedliche Gruppen wählen, „Basismodul 1 und 2“, von denen eines der beiden Module das 6./ 7. Semester prägt. Daneben werden selbst gewählte Projekte realisiert, so dass schließlich alle Fächer wieder zusammenfließen.
Wer sich um einen Platz im achtsemestrigen Düsseldorfer B. Eng. Ton und Bild bewerben will, muss zunächst bis 15. März 2023 zwei Arbeitsproben einreichen. Die entscheiden darüber, ob ich zur musikalischen Eignungsprüfung Anfang Juni eingeladen werde. Das gesamte Auswahlverfahren liegt somit in den Händen der Musikhochschule, einen NC gibt es nicht. Für das sechswöchige Vorpraktikum kann ich mir jedoch – anders als in Babelsberg – Zeit lassen, bis die Zusage im Kasten steckt. Zu den Arbeitsproben: Aus den 8 Schwerpunkten (siehe Kasten unten) wähle ich für die zwei Arbeitsproben zwei unterschiedliche Bereiche. Katharina, die kurz vor ihrer Bachelor-Arbeit steht: „Du kannst zum Beispiel einen Filmausschnitt musikalisch neu vertonen, etwas programmieren, über ein musikalisches Thema eine Kritik schreiben oder aber ein zehnminütiges Stück aus der Popmusik selber aufnehmen und mischen. Doch Vorsicht! Je beliebter ein bestimmter Schwerpunkt ist, desto größer auch die Konkurrenz. “ Achim Polzer, Abteilungsleiter Studierenden- und Prüfungsservice von der Robert-Schumann Musikhochschule bestätigt: „Die meisten Arbeitsproben gehen aus dem Bereich computergestützte Musikproduktion ein. Also eine Aufnahme, die im Studio am Mischpult besonders gestaltet wurde. Gefolgt von Klassischer Musikaufnahme, wo zum Beispiel ein 10minütiger Ausschnitt eines Quartetts oder eines Solisten mit Mikros aufgenommen und später abgemischt wurde.“ Kathrin bestätigt: „Ich verbessere meine Chancen ganz entscheidend, wenn ich zwei Bereiche wähle, die weniger frequentiert sind. Zum Beispiel Text, Visual Music oder die Idee für ein Unternehmenskonzept. Denn die Hochschule unterstellt, dass ich später im Studium die gleichen Schwerpunkte wähle, wie bei der Auswahl der Arbeitsproben. Und sie strebt natürlich eine ausgeglichene Nachfrage nach allen Schwerpunkten an.“ Außerdem muss ich eine kurze, ausformulierte Beschreibung mitliefern. Die zwei Basismodule (5. Semester) und das Vertiefungsmodul (6./7. Semester) wähle ich als Schwerpunkte im Studium dagegen erst im dritten Semester – völlig unabhängig von meinen Arbeitsproben im Rahmen der Bewerbung.
Schwerpunkte zur Wahl der Arbeitsprobe als Bewerbung und zur Studienvertiefung
1. Medienkomposition: Computergestützte Filmmusik für Werbung, Games, Hörspiele, Websites oder Film/ TV komponieren
2. Musikinformatik: Software/ Programm zur synthetischen Klangerzeugung schreiben (Computermusik). Oder z.B. eine Visualisierung der Klänge mit Lichtern programmieren.
3. Musikproduktion: Studio- und Liveproduktion von Popmusik (analog oder digital) einschließlich Postproduction: Aufnahme, Mischung, Schnitt, Umgang mit Software wie Cubase oder Pro Tools. Betreuung des Schwerpunkts durch Prof. Werner Roth (1957), Tonmeisterstudium in Detmold (Schlagzeug), freiberuflicher Produzent mit eigenem Studio
4. Musik und audiovisuelle Produktion: Arbeit mit Kamera, Licht, Ton und Montage. Anwendung: Filmisches Selbstportrait oder Portrait eines Musikers. Oder Konzert aufzeichnen.
5. Musik- und Medienmanagement: Betriebswirtschaftliche und rechtliche Themen aus dem Musikbusiness: Wie funktioniert ein Platten-Label?Wie baue ich ein Studio auf? Oder: Ich will eine Band als gewerbliches Unternehmen anmelden.
6. Musik und Text: Reportage über Musik. Aber auch Verfassen freier künstlerischer Texte für Song, Hörspiel oder Film
7. Klassische Musikaufnahme: Mikrofonierung, Aufnahme, Mischung und Schnitt einer Kammermusik (Quartett, Quintett) einschl. Zusammenarbeit mit den Musikern. Betreuung des Schwerpunkts durch Prof. Dagmar Birwe, Tonmeisterausbildung in Detmold und München, Regie bei Mitschnitten des Symphonieorchesters des BR sowie des Münchner Rundfunkorchesters und Opernübertragungen aus dem Münchner Nationaltheater
8. Visual Music: Habe fertige Musik und mache Video dazu: Schnittstelle zwischen Bild und Ton. Aus Gitarrenklängen werden Farben. Musik-Videos oder Animation. Betreuung durch Prof. Heike Sperling (1965): Studierte Kommunikationsdesign, Arbeit als Creative Director u.a. für RTL und WDR und bei der Produktion von Musik-Videos. Gestaltete das Corporate Design des ehemaligen Musikfernsehsenders VIVA plus.
Silas (5. Semester) hat sich zweimal für Ton und Bild beworben. Nach der ersten Absage überbrückte er ein Jahr durch ein eng verwandtes Studium in Medientechnik an der Hochschule Düsseldorf. Erste Erfahrungen in der Tontechnik brachte er aus dem Freizeitheim mit, wo er immer wieder Bands am Live-Pult aufgenommen und später abgemischt hatte, was als Arbeitsprobe gut geeignet war. „Im Kupferstollen eines alten Bergwerks nahm ich außerdem ein klassisches Streichquartett auf, um durch die gute Akustik etwas ganz Besonderes mit der Bewerbung einzureichen.“ Mit einem Termin zur Aufnahmeprüfung wurde er im zweiten Anlauf belohnt.
Egal, ob Drumset oder Jazzgitarre mein angestrebtes Instrumentalfach ist: Mit meinen Arbeitsproben teile ich der Musikhochschule auch mit, auf welche drei Stücke ich am Prüfungstag für den zehnminütigen musikalischen Vortrag vorbereitet bin. Silas: „Beim Vorspielen werden die „Ton’is“ nur von den etwa 12-13 Dozenten aus dem Instrumental- und Gesangsunterricht (Pop und Jazz) der Hochschule geprüft, die mehrheitlich Jazz lieben. Die Professoren beschäftigen sich dagegen nicht mit den „Ton’is“. Ihr Interesse gilt den Instrumentalmusikern, für die musikalisch ein weit höheres Niveau typisch ist.“ Silas empfiehlt, sich über die prüfenden Dozenten genau zu informieren.
Musiktheorie, Gehörbildung sowie ein 20-minütiges Gespräch schließen die Eignungsprüfung ab. Achim Polzer, Abteilungsleiter Studierenden- und Prüfungsservice von der Robert-Schumann Hochschule eher geringschätzig: „Für eine Musikhochschule sind unsere Erwartungen an die Toningenieure unterstes Level.“ Die Studierenden sehen das anders: „Die Prüfungen in Musiktheorie und Gehörbildung habe ich insgesamt viermal gemacht. Zum Glück war hier kurzfristig eine Nachprüfung zulässig“, erzählt Silas (5. Sem.).
Neben dem traditionsreichen Düsseldorfer „Ton und Bild“ – Ingenieur haben sich links und rechts zwei weitere eigenständige Studiengänge entwickelt, die sich je zur Hälfte mit „Ton und Bild“ überschneiden: „Musik und Medien“ ist ein achtsemestriger Bachelor of Music mit ebenfalls 25 Plätzen für alle, die zwar Ton aufnehmen, aber technisch nicht so tief einsteigen wollen. Wie Kathrin: „Es geht um Pop, Jazz, aber auch um klassische Musik. Der künstlerische Aspekt des Tonmeisters ist hier jedoch sehr viel stärker betont. “Das Auswahlverfahren ist identisch mit Ton und Bild. Die Veranstaltungen an der RSH-Musikhochschule ebenfalls. Die Robert-Schumann Musikhochschule ist jedoch alleiniger Veranstalter. Kathrin: „Wir haben auch Realschüler in unserem Studiengang, die ohne Fachabitur die Voraussetzungen für „Ton und Bild“ nicht erfüllen würden.“ Für ein Studium an der Musikhochschule ist die Hochschulreife nicht zwingend erforderlich. Abteilungsleiter Achim Polzer: „Ohne Hochschulreife muss ich mit meinen Arbeitsproben aber auf jeden Fall sehr viel besser abschneiden, als der Durchschnitt.“ Aus den acht Modulen (oben, siehe Kasten) kann ich acht Basis- und drei Vertiefungsmodule wählen. Prof. Birwe: „Musik und Medien beinhaltet sehr viel stärker künstlerisch-mediale Arbeit in ihrer Breite und kann ein ähnlich hohes Niveau wie der Tonmeister aus Detmold haben, wenn ich genau diese Tonmeister-Schwerpunkte wähle. Ton und Bild ist mit nur zwei Schwerpunkten dagegen spezialisierter und thematisiert zu 50% Technik.“
Prof. Birwe: „Die Bewerberzahl für Ton und Bild (25 Plätze) und Musik und Medien (25 Plätze) betrug zuletzt 115 bis 160 Bewerber (1: 2,75). Prof. Roth ergänzt, dass die Musikhochschule ausschließlich Künstler sucht, die seit vielen Jahren ein Instrument spielen: „Du kannst nicht im Januar sagen, dann werde ich mal eben Producer und dich im Februar bewerben.“ Roth weiter: „Es gibt zwar heute technische Möglichkeiten, auf die Schnelle elektronisch etwas zusammen zu mischen. Aber wir schauen, ob jemand sensibel in der Gehörbildung ist oder eher grobmotorisch beim Mix.“ Rasmus hat nach dem Abi ein einjähriges Praktikum in einem Tonstudio gemacht und dort eine Band aufgenommen. Aber auch zuhause hat er viel auf der Gitarre gespielt und beides als Arbeitsproben eingereicht: „Ich musste zuerst auf dem Instrument vorspielen und dann gab es ein Gespräch mit acht Professoren. Es blieb unklar, ob sie sich meine Arbeitsproben wirklich angehört haben.“ Er lacht: „Wahrscheinlich haben sie nur kurz reingehört.“
„Medientechnik“ ist ein sechssemestriger Bachelor of Engineering der Düsseldorfer Fachhochschule, der die gleichen Module, wie „Ton und Bild“ beinhaltet, jedoch auf den musikalischen Teil der Robert-Schumann-Musikhochschule verzichtet. Ich kann Berufsfelder, wie Audio, Video, Virtuelle Realität, AV-Präsentationstechnik/ Event-Systems oder Web/ Multimedia über 2 Semester vertiefen. Projekte im Wintersemester 2019/20 waren das Erleben einer von den Studierenden gestalteten virtuellen Realität beim Flug mit dem ICAROS-Paraglider. Oder "Kids'n Tricks", eine Legetrickanimation mit Figuren, die Flüchtlingskinder gezeichnet hatten – ein gemeinsames Projekt mit Studierenden Ton und Bild sowie Medientechnik. Absolventen der Medientechnik sind Medien-Allrounder in der Film/TV- und Hörfunkbranche, wie etwa Produktionsingenieure.
Über die Zulassung auf einen der 95 Plätze in Medientechnik entscheidet bei drei- bis vierhundert Bewerbern (vor der Pandemie) allein der NC, der zuletzt bei 2,7 bis 3,3 lag. Nicht selten kommen hier Kandidaten zum Zuge, die am musikalischen Auswahlverfahren in „Ton und Bild“ gescheitert sind. Hier das Vorlesungsverzeichnis der Robert Schumann Musikhochschule sowie der Hochschule Düsseldorf.
Wie starte ich meine Karriere in der Musikindustrie? Absolventen erzählen
Markus Winter hat nach dem Studium am Abbey Road Institute ein eigenes Home-Studio eröffnet: „Es gibt keine Trennung zwischen Wohnung und Arbeit. Du musst dich selbst motivieren. Und am Anfang kommt auch niemand mit Aufträgen auf dich zu. Es ist dein Job, Leute anzusprechen.“ Markus hat ein digitales Setup sowie einen Gitarrenprozessor. Und Lautsprecher mit einer hohen Auflösung. Bist du auf ein bestimmte Genre spezialisiert? „Wie man sieht, bin ich schon lange Heavy-Metal-Fan. Aber aktuell macht der Hauptteil der Arbeit Hip-Hop und Trap aus.“ Würdest du auch recorden, also eine Live-Band aufnehmen? Oder nur Mixing? „Recording als Mixing-Engineer in einem großen Major-Studio – ja klar! Sehr gerne. Aber Heavy Metal live in der Wohnung recorden – das ist nicht. In meinem Home-Studio habe ich die Wände mit Schalungsplatten abgeklebt und dann mit Stoff bespannt.“ Wie kommst du an die Aufträge? „Das meiste passiert über Instagram, gerade bei Hip-Hop. Ich schreibe die Leute an und versuche, ins Gespräch zu kommen. Was oft zu einem Job führt.“ Und wie sieht das mit dem Pricing aus? „Ich verlange das, was ich im Monat brauche und rechne das runter. Bei einem Mix mit 20 – 25 Spuren verlange ich pro Auftrag einen Festpreis von 180 bis 300 EUR, das ist nicht wirklich teuer. Wer es noch billiger will, desto schlechter ist auch die Qualität der Tracks. Diese Abwärtsspirale gehe ich nicht mit.“
Adam Radwan hat im März 2017 das Abbey Road Institute in Frankfurt abgeschlossen, spielt Gitarre und Bass und hat sich eigeninitiativ bei den Red Bull Studios Berlin beworben – nicht gerade ein kleines Studio! „Der Haupttontechniker, Christian Prommer, sagte: Ja, wir suchen einen festen Assi. Und dann hat es geklappt.“ Zentraler Teil der Technik ist ein Mischpult der Marke SSL – das gleiche, wie am Abbey Road Institute. Aber in jedem Studio sind die Abläufe anders: „Am Anfang musste ich verkabeln, die Session vorbereiten oder stundenlang mit Pro Tools arbeiten. Das hat mir weniger gefallen.“
Die Red Bull Studios sind in Berlin-Kreuzberg am Maibach-Ufer, im alten Umspannwerk. Das klimatisierte Studio ist in die Halle eingebaut. Der Aufnahmeraum für die Bands ist mit Teppichen ausgelegt. Im Regieraum steht ein großes Mischpult für Mixing Sessions. Und ganz hinten ist Studio B, das Producer Studio. „Wir hören uns das meiste erst mal im Team an. Ob die Musik gut ist und ob es uns was bringt. Auch, wenn der Musiker nur ein kleines Budget hat.“ Beim Red Bull Musik Festival gab es viele Live-Sessions, wo Songs recorded und teilweise im Studio gleich abgemischt wurden. „Die Künstler kommen meist mit ihrem ganzen Team, darunter manchmal auch der Songwriter oder der Texter.“ Hast du da Druck? „Leistungsdruck nicht wirklich. Aber Anspruchsdruck. Ich will den Leuten helfen, die Musik machen: Von der Atmo bis zu den technischen Arbeitsmitteln versuche ich das Beste zu liefern.“ Gibt es einen geregelten Arbeitstag? „Das Studio ist Montag bis Freitag 10 – 20 Uhr besetzt. Aber manchmal fangen wir auch später an: Es nützt nichts, wenn die Künstler um 10 Uhr kommen und machen bis 12 Uhr nichts, weil sie müde sind.“ Hier ist das Video über die Red Bull Studios.
Workshop “Mixing In The Box” an der Robert-Schumann Hochschule Düsseldorf im B.A. Ton und Bild Foto: Uwe Kästner