Diplomatisches Einmaleins für Weltenbummler
The most important overview
Das Rotationsprinzip im AA
Sabine Stöhr berichtet über den Höheren Auswärtigen Dienst
Ellen Burgemeister über das Duale Studium für den Gehobenen Auswärtigen Dienst
Das Auswahlverfahren - vom Online-Test bis zum Bewerber-Tag in Berlin
Praktika an deutschen Auslandsvertretungen?
“Der schönste Campus Berlins” am Tegeler See
„Die Liste ist im Netz!“ Wie ein Stromschlag geht dieser Satz durchs Amt: „Die Liste ist im Netz!“ Und jeder weiß, welche Liste gemeint ist.
Das Arbeitsleben im Auswärtigen Dienst wird bestimmt durch das Rotationsprinzip: Alle drei Jahre wechseln die Mitarbeiter ihren Dienstort. Und ihr Aufgabengebiet: Das Generalisten-Prinzip bedeutet, dass Bedienstete überall auf der Welt mit jeder Aufgabe ihrer Laufbahn betraut werden können. Es ist eine Lebensentscheidung, welche die Frage aufwirft, ob ich das in zehn, 20 oder 40 Jahren auch noch reizvoll finde. Was sagen Partner, Familie, Freunde dazu? Will ich das meinen Kindern zumuten? Oder ist es eine Bereicherung in ihrer Entwicklung?
Akademie Auswärtiger Dienst der Hochschule des Bundes am Tegeler See in Berlin. Foto: Uwe Kästner
Kann mein Partner akzeptieren, dass eine kontinuierliche Berufstätigkeit für ihn nicht möglich ist? In der Regel wollen die Kleinen dorthin, wo es cool ist. Abschied von den alten Freunden, neue Freunde für die Kinder finden („Netz“). Die Anerkennung der Berufsabschlüsse des Partners ist etwas anderes: Ansatz bei der Deutschen Botschaft in Lima, Peru. Der Ehemann ist Herzchirurg und spricht nicht spanisch. Klar kann er einen Job an der Botschaft bekommen. Aber Visa-Etiketten will der Herzchirurg nicht drucken.
Einmal jährlich, im September, erscheinen die Stellenausschreibungen im Auswärtigen Amt - in Form von Listen: 3c-Stellen sind sehr gut besoldet, aber besonders gefürchtet: Pjöngjang, Bagdad, Kabul, Teheran oder Kiew – rauschende Partys auf diplomatischem Parkett oder abendliche Theaterbesuche eher Fehlanzeige. Und keiner begrüßt dich mit den Worten: „Ihre Excellenz, die deutsche Botschafterin“. Kürzere Standzeiten und die Aussicht auf besonders attraktive Dienstposten sind ein Instrument, um dennoch Bewerber zu finden. 3a-Stellen innerhalb der Europäischen Union werden dagegen eher schlecht bezahlt. Bieten aber die Möglichkeit, kurzfristig mal schnell einen Termin am Heimatwohnort in Deutschland einzuschieben. Jeder Mitarbeiter hat je drei Wünsche in den Kategorien 3a, 3b und 3c zu formulieren – einer von neun wird Realität. Studium und Fremdsprachen entscheiden über den Ansatz an einer der über 230 deutschen Auslandsvertretungen. Darunter 153 Botschaften und 54 Generalkonsulate. Und bis zur tatsächlichen Rotation bleibt immer noch Zeit – sie findet erst im folgenden Sommer statt. Etwaige Widersprüche des Mitarbeiters hinsichtlich seines Ansatzes werden natürlich aktenkundig gemacht. Auch Teilzeit ist bei einer Arbeitszeit von 40 - 90% kein Problem. Etwa zwei Drittel des Berufslebens werden also im Ausland verbracht, möglicherweise unter schwierigen klimatischen oder sicherheitspolitischen Bedingungen. Um eine Entfremdung vom Mutterland zu vermeiden, folgen auf zwei dreijährige Auslandseinsätze stets drei Jahre in Berlin.
Akademie Auswärtiger Dienst am Tegeler See in Berlin. Bildrechte am 10.01.2023 bei imago stock&people GmbH erworben: 46906 - Rechnung-Nr. M5845Z57GF2MPPG2 Kredit: Günter Schneider
Sabine Stöhr hat Slawistik mit Nebenfach Osteuropäische Sprachen studiert und ist seit 1995 beim Auswärtigen Amt. Wegen ihrer Sprachkompetenz wurde Frau Stöhr überwiegend in Osteuropa angesetzt. Zum Beispiel in Kiew. Sie ist Vortragende Legationsrätin, eine Amtsbezeichnung aus dem vorletzten Jahrhundert - VLR durften dem Kaiser berichten. Partner arbeiten aufgrund bilateraler Abkommen mit den einzelnen Ländern im jeweiligen Gastland in ihrem Beruf. Der Ehegatte von Frau Stöhr ist Kunsthistoriker und findet es besonders attraktiv, die Kunstschätze der einzelnen Länder auf diese Weise näher kennen zu lernen. Von 2010 bis 2013 war Frau Stöhr während ihres 3-jährigen Ansatzes in Deutschland als Ausbildungsleiterin höherer Dienst und stellvertretende Leiterin der Akademie Auswärtiger Dienst aktiv: „Wir wünschen uns Bewerber, die politisch denkend viel Neugier auf andere Länder mitbringen und den Wunsch haben, Deutschland in der Welt zu vertreten. Stabile Persönlichkeiten mit einem ausgeprägten Sinn für politische Zusammenhänge und großer intellektueller Flexibilität.“ Stöhr weiter: “Als Diplomatin oder Diplomat muss man sich schnell in neue Sachverhalte einarbeiten und diese nicht nur verstehen, sondern auch rasch Gestaltungsspielräume erkennen und konkrete Handlungsvorschläge machen.“ Bei ihrem Vortrag an der LMU ergänzt sie, dass Bewerber außerdem über eine hohe soziale und interkulturelle Kompetenz verfügen müssen: „Sie sollten gut kommunizieren und souverän auftreten.“ Und überlegen sie sich gut, ob sie den regelmäßigen Wechsel zwischen Inland und Ausland wirklich ihr ganzes Berufsleben lang reizvoll finden.“ Sabine Stöhr fieberte schon damals ihrem nächsten Auslandseinsatz entgegen – Moskau. Doch auf die Ausweisung eines russischen Diplomaten wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit im militärischen Bereich reagierte der Kreml 2014 im Gegenzug mit der Ausweisung der deutschen Top-Diplomatin Sabine Stöhr. Stöhr beherrscht die russische wie die ukrainische Sprache, so das Nachrichtenmagazin Der Spiegel und ist mit der Mentalität und der Geschichte beider slawischer Völker bestens vertraut. Bei den täglichen Morgenrunden zur Ukraine-Krise galt sie als wichtigste Referentin (…). Die Ausweisung dürfte ihre Sympathie für Russland nicht gerade verstärkt haben. Heute ist Stöhr Referatsleiterin des Referat 209 Westlicher Balkan im Auswärtigen Amt und beschäftigt sich mit den Beitrittsverhandlungen mit Albanien und Nordmazedonien zur EU. Der Wechsel in ein anderes Bundesministerium wäre jetzt möglich – umgekehrt eher nicht!
„Der gehobene Dienst als duales Studium an der Akademie Auswärtiger Dienst ist im Hauptstudium 1 inhaltlich stark auf juristische Themen zugeschnitten: Internationales Privatrecht, Familienrecht oder Erbrecht – mit einer internationalen Komponente, wie etwa Heiraten im Ausland“, erklärt Ellen Burgemeister, zuletzt Leiterin des Rechts- und Konsularreferats der Deutschen Botschaft in Zagreb. 2014 bis 2016 war Burgemeister Ausbildungsleiterin gehobener Dienst in Berlin, danach blieb sie aus familiären Gründen in Europa – an der Deutschen Botschaft in Pristina. „Neben juristischen Themen spielen BWL im Zusammenhang mit Ressourcensteuerung sowie nachgeordnet VWL – bezogen auf die Zahlungs- und Leistungsbilanz des Gastlandes – eine wichtige Rolle.“ Hinzu kommen Seminare zu Auswärtiger Kultur- und Bildungspolitik, Entwicklungszusammenarbeit sowie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Module zu Kommunikation, Personalführung und interkultureller Kompetenz, Rhetorik und Krisenmanagement, Lehrbesichtigungsfahrten und Exkursionen zu deutschen Auslandsvertretungen oder internationalen Organisationen sowie Lehrveranstaltungen in Englisch und Französisch – bei Interesse auch eine Drittsprache. „Im Zirkel- und Krisentraining geht es auch darum, in Konfliktsituationen eine Form der Zusammenarbeit der einzelnen Laufbahnen zu finden.“ Hier der Studienführer. Kurz: Es geht um die Vielschichtigkeit politischer und wirtschaftlicher Beziehungen - mit kulturellen Themen oder dem Goethe-Institut vor Ort als Türöffner, um Sympathien und ein positives Deutschland-Bild in der Öffentlichkeit zu schaffen.
Das Studium an der Akademie Auswärtiger Dienst ist stark auf juristische Themen, wie Internationales Privatrecht, zugeschnitten. Foto: Uwe Kästner.
Während dem Vorbereitungsdienst sind die Anwärter Beamte auf Widerruf und erhalten Bezüge. Der erste Berufliche Auslandsansatz erfolgt oft als „Kanzler“. „Das ist der Dreh- und Angelpunkt in der Auslandsvertretung – Verwaltungsleiter und zugleich Ressourcenmanager“, sagt Burgemeister. „Das Auswärtige Amt ist heute nicht mehr das vor 25 Jahren: Viele Tätigkeiten aus dem höheren Dienst, wie etwa der Kultur Attaché, sind jetzt im gehobenen Dienst angesiedelt – eine Kostenfrage. Andererseits hat der Leiter der Visa-Stelle in Izmir mehr Personalverantwortung, als der Botschafter in Honduras (lacht).“
In jeder Laufbahn (Mittlerer Dienst, gehobener Dienst oder höherer Dienst) stehen jährlich 40 Plätze zur Verfügung bei ca. 1.300 Bewerbern, davon erscheinen im gehobenen Dienst regelmäßig etwa 800 Bewerber (1:20) zum schriftlichen Test. Zuletzt bestanden 247 Kandidaten den schriftlichen Teil, also ein Drittel. Zum mündlichen Teil in Berlin treten dann ungefähr 200 Kandidaten je Laufbahn an, im gehobenen Dienst zuletzt 195.
Schriftlicher Test nach der Bewerbung im September Anfang November - seit der Pandemie online - durch die dgp Deutsche Gesellschaft für Personalwesen, eine Personalberatungsgesellschaft: a) Sprachen: Englisch (mittlerer Dienst) bzw. Englisch und Französisch (gehobener/ höherer Dienst), alternativ Arabisch, Chinesisch, Russisch, Spanisch – je 45 Minuten, erwartet werden ein Minimum 50 von 100 Punkten. Hier Beispiele für Sprachtests aus vergangenen Jahren.
b) Multiple Choice-Test (4 Std.): Mittlerer/ Gehobener Dienst
Sprachliche Verarbeitungskapazität: Ähnliche Wörter, Textanalyse, Wortanalogien,
Schlussfolgerungen.
Numerische Verarbeitungskapazität: Prozentrechnen, Bruch, Textaufgabe, Schätzen,
Zahlenreihen, Statistiken, Diagramme auswerten
Arbeitseffizienz: Zahlen markieren
Rechtschreibung/ Grammatik
Allgemeinwissen: Interkulturell (Hindu?), Verwaltung (Exekutive?), Informatik (Sicherheitskopie?), Management (Brainstorming?)
Hier die Übungsaufgaben und die Infobroschüre der dgp.
c) Höherer Dienst: u.a. Politische Analyse (1 Std.), Beispiel: „…entwerfen sie einen Artikel, mit dem sie für einen ständigen Sitz Deutschlands im Sicherheitsrat der UN werben.“
Mündlicher Teil in Berlin morgens ab 08:00 Uhr mit acht Bewerbern pro Auswahltag (Keine Wiederholung möglich!) a) Strukturiertes Interview: Konfrontation mit einer Entscheidungssituation, oft in einem regelrechten Dilemma. Beispiel: „…als Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes haben sie die Aufgabe, in Afghanistan den Besuch einer deutschen Delegation bei einem Taliban-Führer vorzubereiten. Als der Taliban-Führer erfährt, dass sich in der Delegation auch Frauen befinden, lehnt er einen Empfang der Gruppe kategorisch ab. Wie verhalten sie sich?“ (Die Antwort eines Bewerbers: „…ich entschuldige mich bei dem Taliban für die Verletzung seiner religiösen Gefühle“ ist definitiv falsch, so Stöhr.) Fazit: Die Antwort soll analytische Qualitäten besitzen. Ferner: b) Gruppendiskussion mit 8 Bewerbern c) Gemeinsame Gruppenaufgabe (…gemeinsames Entwickeln, miteinander verhandeln…) und d) Einzelgespräch mit einem Psychologen
Burgemeister hat vier Auswahlverfahren im gehobenen Dienst in Berlin hinter sich und dabei alle Kandidaten gesehen – je zur Hälfte Schüler, teilweise mit FSJ, und Bachelor-Absolventen, wo das Auslandsjahr den Boden bereitet hat – Tendenz mit 2/3 frauenlastig: „Da sind Schüler durch den mündlichen Teil in Berlin gegangen – so souverän wie das Messer durch die Butter. Solide, belastbar, erdverbunden, vorurteilsfrei und verlässlich. Und andererseits Bachelor-Studierende, die konnten denen das Wasser nicht reichen. Manche abgebrüht und völlig geerdet – anders als die Auswendiglerner, die jeden Tag die Nachrichten gucken und alle Abteilungen des AA kennen.“ Burgemeister erinnert sich gerne an eine 17jährige Schülerin, die den G7-Gipfel in Bayern mit organisierte – völlig souverän.
Akademie Auswärtiger Dienst auf der Halbinsel Reiherwerder am Tegeler See in Berlin Aus: Berlin Reinickendorf - ganz schön begehrt Bildrechte mit freundlicher Genehmigung der unit ZÜRN Werbeagentur GmbH Berlin, Tosca Palma.
Praktika an deutschen Auslandsvertretungen werden nur Studierenden als Werbung für den höheren Dienst angeboten, wobei die Bewerberzahlen hier etwas größer sind: 1.300 Kandidaten auf 40 Plätze (1: 33). Der höhere Dienst setzt ein abgeschlossenes Master-Studium voraus, besonderer Bedarf besteht an Volljuristen mit Kenntnissen Völkerrecht/ Internationales Recht und an Wirtschaftswissenschaftlern (VWL) mit oder ohne Berufserfahrung. Letztere können mit einem Ansatz in der Euro-Zone rechnen. Doppelte Staatsangehörigkeit oder Migrationshintergrund sind besonders interessant, so Frau Stöhr. Viele Teilnehmer der 77. Crew, so nennt sich der aktuelle Jahrgang im höheren Dienst, haben als Vorbereitung auch Studiengänge, wie "Internationale Beziehungen" – ein gemeinsamer Studiengang der FU Berlin, der Uni Potsdam und der HU Berlin gewählt. Oder für 1er-Kandidaten "Internationale Beziehungen" an der TU Dresden. Weniger elitär: International Relations and Management an der OTH Regensburg. In Wien bietet die Diplomatische Akademie Wien unterschiedliche Angebote. Kann ich später vom gehobenen in den höheren Dienst aufsteigen? Frau Stöhr: “Im letzten Jahr insgesamt nur ein Aufsteiger.”
„Elitäres Auftreten wird im Auswärtigen Dienst unterschwellig gepflegt“, findet Burgemeister. „Weltweit wir!“. Im mündlichen Teil der Auswahlprüfung wird stark auf die Motivationslage geschaut. In einer Dilemma-Situation – wie oben beim Besuch der Taliban – wird sehr stark geschaut, wie souverän der Bewerber auftritt. Wie kommuniziert er mit einer kulturell ganz anderes geprägten Person? Im Einzelinterview geht es neben dem Sozialverhalten um die Frage: Wie logisch ist das, was ich bringe? Und bei der Lösung interkultureller Dilemma-Situationen: Kommen Vorurteile heraus? „Früher gab es Gruppenaufgaben im Team“, so Burgemeister. „Heute werden Rollenspiele simuliert. Der Bewerber muss das Gespräch führen und ein Externer übernimmt eine spezifische Rolle.“
Unterwegs zur Akademie Auswärtiger Dienst: Mit der U6 geht es vorbei an der Friedrichstraße ganz in den Norden Berlins bis Alt-Tegel. Von dort sind es 2 km zu Fuß durch den Wald – am Ufer des Tegeler Sees entlang.
Viel Natur – und wenig Mensch, das ist in Berlin die Ausnahme. "Der schönste Campus Berlins" , so zitierte die Berliner Morgenpost einst Frank-Walter Steinmeier, hat auf Biber, Füchse und Seeadler Rücksicht genommen. Am Tegeler See entstand auf dem Gelände der Villa Borsig (1912) die Hochschule des Bundes mit ihrer Akademie Auswärtiger Dienst, Seminarräumen und Appartements für einen kompletten Jahrgang mit 120 Studierenden. Die Neubauten tragen Namen wie „Asien“, „Afrika“ oder „Amerika“. Der SeePavilon am Tegeler See steht den Studierenden als Mensa und Spaziergängern als Ausflugslokal unter dem Namen „Diplomaten-Terrasse“ offen. Hier ein Rundflug über die Akademie Auswärtiger Dienst auf der Halbinsel Reiherwerder am Tegeler See in Berlin.