Als Bekleidungsingenieurin Turnschuhe stricken

Das Wichtigste in Kürze

  1. Bekleidung-Technik-Management an der HAW Hamburg

  2. Die “passive Lohnveredelung”

  3. “Passivproduzenten” in Südosteuropa

  4. Der “Vollkauf” in Asien

  5. Bekleidungstechnik/ Konfektion an der HTW Berlin studieren

  6. Textile and Clothing Management an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach

  7. Mode- und Designmanagement an der AMD Akademie Mode und Design in München

  8. Auslandspraktikum in Bangladesh oder Auslandssemester in China?

  9. Duales Studium bei adidas in Herzogenaurach und Mönchengladbach

  10. W. L. Gore Associates GmbH in Putzbrunn/München - Produzent von Textil-Laminat - sein Ausbildungsangebot

„Wir fangen heute da an, wo die Arbeit des Designers aufhört“, so begrüßt Prof. Bahlmann ihre Studierenden in Bekleidung-Technik-Management an der HAW Hamburg zu Beginn des vierten Semesters am Campus Armgartstraße. “Wir entwickeln den gestalterischen Entwurf weiter zu einem serienreifen Produkt.“ In den typischen Produktionsländern in Asien oder Südosteuropa gibt es oft keine computergesteuerte Cutter-Technologie. Es wird mit Bandmesser oder Stoßmesser gearbeitet. Bahlmann: „Genau mit solchen Werkzeugen simulieren wir auch hier im Kurs heute einen Musterungsauftrag für einen Damenblazer im Rahmen einer Serienfertigung.“

Stefanie Bahlmann hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. Das war 1993. Mit 26 Jahren gab sie den sicheren Job als Sozialversicherungsfachangestellte bei der Barmer Ersatzkasse auf und begann eine zweite Ausbildung zur Damenschneiderin an der Frankfurter Schule für Bekleidung und Mode. Es folgen das Studium der Bekleidungstechnik an der Berliner HTW und ein Job als „Reisetechnikerin“ für die Industrie in den Semesterferien. Als Dipl.-Ing. Bekleidung wurde Bahlmann in kurzer Zeit Technische Bereichsleiterin bei Frank Henke Mode GmbH in Berlin, wo sie schon während ihrer Studienzeit gejobbt hatte. Ihre Aufgabe: Der gesamte technische Entwicklungs- und Produktionsprozess. 2003 bekam Bahlmann erste Lehraufträge an der HTW. Eine Professur an der HAW in Hamburg wurde ihr 2005 übertragen. Und zwar für Bekleidungsfertigung und Produktionsmittel.

Modecampus Armgartstraße in Hamburg: Das Aufbügeln der Schnittschablone aus Papier ist bereits abgeschlossen. Prof. Bahlmann demonstriert jetzt das Zuschneiden der Stofflagen mit dem Bandmesser. Die Studierenden stehen im Halbkreis um sie herum. „Es kommt immer darauf an, wo gemustert wird. Zwei Möglichkeiten unterscheiden wir, wie das fertige Produkt nach Deutschland kommt…“

In der klassischen Form der Produktion von Textilien hat sich ein Begriff aus dem Zollrecht etabliert: "Die passive Lohnveredelung". Prof. Bahlmann: „Das Design wird in Deutschland gemacht. Ebenso die Schnitte. Vielleicht entstehen auch die Erstmuster, die Protos, hier.“ Die Zutaten und Stoffe kauft ebenfalls das Design. Oft italienische Stoffe. Der Bekleidungsingenieur gibt als Auftraggeber die Schnitte und die Fertigungsunterlagen, also alles was man für die Konfektion braucht, an den Produzenten aus dem europäischen Ausland. Der führt den Zuschnitt durch und ist mit dem Nähen und dem Finishen beschäftigt. Also mit der Endfertigung. Dazu gehört auch die Ausstattung mit Knöpfen, Etiketten und das Bügeln, bevor die Textilien zurück nach Deutschland geliefert werden. Die Betriebe sind in der Regel alle in Südost-/Osteuropa angesiedelt. Man spricht von „Passivproduzenten“, weil sie an der Entwicklung keinen Anteil haben.

Hugo Boss fertigt so 50% seines Portfolios. „Für höherwertige Marken hat das natürlich den Vorteil, dass ich als Auftraggeber sehr viel mehr Einfluss auf die Qualität des Endprodukts habe: Die Designer fahren auf Stoffmessen und ordern. Auch die Zutaten. Und ich kann intensive Tests machen“, betont Prof. Bahlmann. „Hinzu kommt, dass ich großen Einfluss auf Schnitt und Passform habe und die Transportwege innerhalb Europas schnell sind.“ Relativ viele hochpreisige Unternehmen arbeiten so. Klassische Produktionsländer sind Polen (inzwischen fast zu teuer), Tschechien, Mazedonien, die Ukraine, Türkei, Portugal oder Russland. Die Produktion – querbeet über Europa verteilt, wird von hauseigenen Technikern überwacht. Die wohnen dort und kommen nur zu bestimmten Terminen zurück nach Deutschland - sind also eine Art Bindeglied. „Ich war überall in Polen unterwegs, habe bestimmte Einzugsbereiche betreut und hatte dort auch eine Zweitwohnung“, erzählt Bahlmann. „Einmal gab es eine Produktreihe aus schwarzem und weißem Leinen. Die schwarzen Teile liefen beim Bügeln ein, waren alle zu klein. Es stellte sich heraus, dass auf der textilen Fläche ein versteckter Mangel vorlag: Das Leinen war bei der Veredelung nicht richtig gefinisht worden.“ Bahlmann fasst zusammen: „Hier braucht man Leute, die in der Hands-on-Fertigung gut vorgebildet sind. Die sich auch mal selbst an die Maschine setzen und der Näherin in Tschechien zeigen, wie es geht.“ Bahlmann beschreibt die Ziele ihres Kurses: „Die in der Branche Tätigen haben das Problem, dass die Produktion nicht mehr „überm Hof“ stattfindet: Ich muss den gesamten Fertigungsprozess vorausdenkend planen und etwaige Schwierigkeiten abstrakt einplanen.“ Die Fertigung des Damenblazers ist natürlich kein Nähkurs. Bei der Projektarbeit im Studium geht es darum, industrielle Problemlösungen im Labor auszuprobieren.

Der "Vollkauf" in Asien – auch „Vollgeschäft“ genannt, ist die zweite Variante. Nur das Design wird in Deutschland entwickelt, aber als Hersteller von Bekleidung kaufe ich keinen Stoff ein: Ich suche im Katalog anhand von Stoffpröbchen das Material aus. Der Schnitt, die Fertigung und die Entwicklung der Prototypen – das alles entsteht in Asien. Dann kommt der fertige Prototyp aus Asien zurück: Passform-Anprobe in Deutschland. In der Folge wird der Proto hin und her geschickt.

„Zur Wirtschaftspolitik Chinas gehört es heute, textile Leichtkonfektion ins Landesinnere zu verlagern und in Küstenstädten wie Shanghai höherwertige Ansiedelungen – wie aus der IT-Branche – vorzunehmen“, erklärt Bahlmann. „Da China als Produzent viel zu teuer wird, haben chinesische Hersteller in Afrika Textilfabriken aufgebaut – eine Entwicklung, die stark im Kommen ist.“ So werden Transportwege noch länger. Hinzu kommt, dass ich im „Vollgeschäft“ nicht direkt mit dem Produzenten kommuniziere, sondern eine Agentur mit billigen Locals als Techniker zwischengeschaltet ist, die auch die Übersetzungsprobleme lösen muss. Bahlmann: „Ganz viele Probleme, die uns in der Konfektion auffallen, rühren aus der textilen Vorstufe, also aus der Erzeugung der Fläche.” Die Materialkennzeichnung gibt nur Auskunft über die Faseranteile. Aber nicht über textile Veredelungsschritte, z.B. wenn Wolle ‚vorgekrumpft‘ ist, damit sie nicht später einläuft. Bahlmann: “Daher hat die HAW Hamburg eine ganz starke Säule auf der Textilchemie, also der Veredelung, und der Textiltechnik.“ Und weil Hamburg für Qualitätsentwicklung und Einkauf steht, ist die HAW ein klassischer Standort für den „Vollkauf“ (in Asien). Neben Bekleidungs- und Textiltechnik besteht Bekleidung-Technik-Management aber aus weiteren Säulen:

 -         BWL: Für Einkauf/Verkauf gibt es Kurse in Marketing oder Finance.

-         Arbeitswissenschaften: Prozesse planen - Durchlaufzeiten berechnen.

-         Informatik als Grundlage für CAD und CAM

-         Natur- und ingenieurwissenschaftliche Grundlagen 

Kurz: Bekleidung-Technik-Management ist ein Spagat aus Modetrends, Elektrotechnik, Logistik, Textilchemie, BWL, Schnittkonstruktion und Fertigungstechnik – mit dem Ergebnis: 1/3 Manager und 2/3 Ingenieur.

8 bis 9 Punkte waren zuletzt für eine Zulassung zum Sommersemester nötig – Bewerbung bis 15.01.2023. Zunächst ist die Durchschnittsnote im (Fach-) Abitur relevant: 3 Punkte (Note 4) bis 15 Punkte (Note 1,0)  Fünf Punkte gibt es zusätzlich für eine abgeschlossene Berufsausbildung, wie etwa Modeschneider. Somit ergibt sich eine Zulassung mit einem Abi-Schnitzt von 2,5 bis etwa 2,7 oder 3,9 plus Berufsausbildung. Die Teilnahme an einem Internet basierten "Self-Assessment Verfahren" ist obligatorisch und wird aber nicht benotet.

Die HTW Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin bietet im Ostteil der Stadt, in Schöneweide, das die Charlottenburger wegen seiner Entfernung vom Kudamm und der City West auch „Schweineöde“ nennen, einen ähnlichen Bachelor in Bekleidungstechnik/ Konfektion. Zuletzt bewarben sich 59 Kandidaten auf 40 Plätze – 53 wurden im Ranking nach Abi–Note - mit Bonus für eine Berufsausbildung - zugelassen. Es gibt auf dem Campus Wilhelminenhof hochmoderne Labors für die Kalkulation in der Produktionsplanung, ein Labor für Schnittkonstruktion, wo gemeinsame Projekte mit den Modedesignern und Prof. Fetzer/ Prof. Chalayan stattfinden. Und Labore für CAD und 3D-Simulation, für Verarbeitungstechnik und Stricktechnik, wo z.B. der Prototyp eines Turnschuhs für adidas gestrickt wurde. “Wir unternehmen auch regelmäßig Exkursionen zu adidas - viele Absolventen von uns sind in Herzogenaurach als Bekleidungsingenieure eingestiegen”, sagt Prof. Monika Fuchs. ”Aber genäht wird dort nichts.”  

Von der Baumwoll-Ernte in Indien über die Herstellung von Garnen in Afrika, dem Weben von Stoffen in Thailand, dem Entwurf des Designs und der Schnitte in Deutschland bis zur Produktion in Bangladesh durchläuft Markenmode viele unterschiedliche Schritte bis zum Angebot im Handel auf der Fläche. Der Begriff Globalisierung fasst alles zusammen. Die deutsche Modeindustrie braucht daher in ihren Führungsetagen immer mehr Generalisten, die Schnittstellenkompetenz und interkulturelle Problemlösungsmethoden besitzen. Und die im technischen und kaufmännischen Bereich erstklassige Englischkenntnisse mitbringen. Vor diesem Hintergrund bietet die Hochschule Niederrhein einen englischsprachigen Bachelor of Science in Textile and Clothing Management - zuletzt wurden alle Bewerber zugelassen. Die Hochschule in Mönchengladbach beschäftigt sich in der Lehre mit allen Stufen der textilen Kette, von der Faser bis zu den vielen verschiedenen Endprodukten. Dieses breite Angebot an dem mit 2.000 Studierenden mit Abstand größten Textil-Studienort innerhalb der EU ist einmalig. Frauen sind unter den Studierenden (83%) und Professoren (50%) in der Mehrzahl. Die Studiengänge sind in 7 Bachelor- und 3 Master-Semester gegliedert. Der Abschluss berechtigt zum Tragen des Titels „Ingenieur“.

„Im deutschsprachigen B.Sc. Bekleidungsmanagement liegt der Anteil wirtschaftswissenschaftlicher Fächer bei 25-30%, das hängt aber auch von der Studienarbeit und den Wahlpflichtfächern ab, dadurch kann man auch auf 35% kommen, sagt Prof. Dr. Rudi Voller, Prüfungsausschussvorsitzender englischsprachige Studiengänge an der Hochschule Niederrhein: „Im englischsprachigen Bachelor ist der kaufmännische Anteil größer - da liegt er bei 30-35% und kann durch Projekte, Studienarbeit und Wahlpflichtfächer bis zu 40% betragen.“ Ist der englischsprachige Studiengang als Grundlage für die Arbeit in einen Industriebetrieb, der im Ausland produziert, besser geeignet als der deutschsprachige Studiengang? Prof. Dr. Voller: „Grundsätzlich ja, weil man die englische Fachsprache beherrscht, wenn aber spezielles Technikwissen verlangt ist, kann das auch anders sein.“ Sind die wirtschaftswissenschaftlichen Fächer mit den ingenieurwissenschaftlichen Modulen vernetzt? Prof. Dr. Voller: “Teils – teils, bei Volkswirtschaft, Kostenrechnung, Arbeitsrecht, Controlling und Personalmanagement eher weniger, bei Arbeitswissenschaft, Marketing, Organisation und Qualitätsmanagement deutlich mehr.”

Im 6. Semester ist ein Auslandssemester oder -praktikum vorgesehen: Haldun aus dem sechsten Semester „Textil and Clothing Management“ berichtet über sein Praktikum in Bangladesh: Jeden Morgen um halb acht wird er von seinem Fahrer abgeholt. Und dann geht es zwei bis drei Stunden durch den abenteuerlichen Verkehr von Dhaka. Auf dem Rückweg muss er manchmal sogar bis zu fünf Stunden dafür einrechnen. „Schon um sieben Uhr morgens hat man das Gefühl, dass ganz Dhaka auf den Beinen ist. Millionen von Menschen sind auf den Straßen“, erzählt Haldun. An seinem Arbeitsplatz angekommen, geht es in die Labore und Werkstätten. Dort werden Farbechtheitsprüfungen oder Schrumpfmessungen nach dem Waschen durchgeführt. Oder er begleitet das Bleichen und Färben der Textilien. Bald dürfen die Praktikanten dann ihre eigenen T-Shirts herstellen. Ermöglicht hat ihm das Abenteuer eine Kooperation der Hochschule mit der Firma One Composite Mills in Dhaka.

Daniel erzählt von seinem Auslandssemester an der chinesischen Partnerhochschule ‚Tianjin Polytechnic University‘: „Über den Betreuer des Auslandssemesters, Prof. Dipl.-Ing. Büsgen, habe ich ein Stipendium in Höhe von 800 EUR monatlich bekommen. Der DAAD hätte weniger gezahlt. In China besuchten wir von Montag bis Donnerstag Vorlesungen in englischer Sprache. Wir waren vierzehn Studierende aus Mönchengladbach. Alle in einer speziellen Klasse. Thematisiert wurden Textilien und Fasern aus China. Wir haben ein Baumwollfeld besucht und eine Exkursion in eine Näherei unternommen. Außerdem haben wir ein chinesisches Hochzeitskleid genäht. Tianjin hat 10 Mio. Einwohner. Das Auslandssemester war von der Partnerhochschule in China wirklich schlecht organisiert und wir waren oft auf uns allein gestellt. Und im International Office sprach keiner englisch. Jetzt sind im Gegenzug vierzehn chinesische Studierende bei uns in Gladbach zu Gast.“

adidas bietet an der Hochschule Niederrhein ein duales Studium in Textil- und Bekleidungstechnik an, eine Bewerbung auf die Stellenausschreibung ist bis Mitte September des Vorjahres möglich. Der praktische Teil wird in Herzogenaurach in der Nähe von Nürnberg absolviert. Recruiterin Tina Schulte steht für Fragen zur Verfügung.   

Das deutschsprachige Ingenieur-Studium teilt sich nach dem gemeinsamen 1./2. Semester in die beiden Studienrichtungen Textil- oder Bekleidungstechnik. Innerhalb der beiden Studienrichtungen gibt es zusätzlich die Wahl zwischen einem kaufmännischen oder einem technischen Schwerpunkt. Bekleidungstechnik (3. bis 5. Sem.): Wer sich für die (technische) Produktentwicklung entscheidet beschäftigt sich vertieft mit Schnittgestaltung, der Gradierung in verschiedene Konfektionsgrößen, Passformen, Stilelementen und Produktionsabläufen. Oder Fertigungsverfahren (Vorlesung) und Verarbeitungstechnik (Praktikum): Wie konstruiere ich eine Schlaufe, damit keine Stoff-Franzen zu sehen sind? Oder: Konstruktion einer Sakkotasche aus Oberstoff, Futter und Einlage (zur Stabilität) – 30.000 Stück: Die Rundungen müssen an beiden Seiten gleich sein. Zuschneiden mit Schablone. Das Verschweißen des Taschensaums ist heute eine wirkliche Alternative zum Nähen und zwar bei Synthetik, Polyester oder bei wasserdichten Freizeitjacken mit Membran. Das Ultraschall-Schweißgerät schneidet und schweißt zugleich die übereinanderliegenden Stoffe. Ein Industrieprojekt im 5. Semester folgt. Im Schwerpunkt Bekleidungsmanagement werden nur die Grundlagen der technischen Produktentwicklung vermittelt (etwa 1/3). Dafür umfassender: Marketing, Unternehmensrechnung, Controlling sowie Fabrikplanung.

Für beide Schwerpunkte zusätzlich: Personal- und Führung, Arbeits- und Sozialrecht, Projektmanagement, Qualitätsmanagement, Betriebsorganisation und Interkulturelles Management. Alle Bewerber für die Studienrichtung Bekleidungstechnik wurden zuletzt zugelassen.

Mode & Designmanagement ist ein Bachelor, den die AMD Akademie Mode und Design in München für 750 EUR monatlich anbietet.

Buying & Production – Einkauf und Produktion sind bei Marc O'Polo International Bereiche, die nicht isoliert voneinander betrachtet werden können. Marc O'Polo produziert auf der ganzen Welt und wenn der Düsseldorfer Filialist Peek & Cloppenburg geordert habe, dann ist die Abteilung Buying & Production für das Handling mit der Tochter in Hongkong und den Lieferanten in Bangladesh, Kambodscha oder der Türkei zuständig. Ein Großteil der Stoffe wird speziell für Marc O'Polo in Indien gewebt. Die Zulieferbetriebe in der Türkei bekommen dagegen die Stoffe zur weiteren Verarbeitung gestellt. Die Manager Production im Team Buying & Production überwachen dort regelmäßig die Herstellung am Band. Dazu sind jährlich 4 - 5 Flüge als Factory-Reiseaufwand üblich. Sie organisieren auch die Distribution und legen fest, ob der Versand hängend oder liegend erfolgt.

15.000 Hemden in unterschiedlichen Konfektionsgrößen gehen in Stephanskirchen ein. Von der Übergabe der Daten bis zur Lieferung sind drei Monate vergangen. Frederik Beltner, Head of Pattern Making & Tailoring: „Bei ersten Stichproben werden verarbeitungstechnische Dinge geprüft, die zu Complaints, also Reklamationen führen können. In diesen Bereichen geht es immer um Berufswege mit längerer „Laufbahn“. Denn für den Einkauf sind eine vorherige grundständige Schneiderlehre und/ oder der Bekleidungstechniker besonders gern gesehen. Bevorzugt kommen in diesen Bereich Textil-/ Bekleidungsingenieure mit BWL-Kenntnissen für eine 18-monatige Traineeausbildung in Frage.

Rundgang: Es geht eine Wendeltreppe hinauf. Wir sind im Einkauf für den Web- und Strickbereich angekommen. Die Mitarbeiter arbeiten konzentriert am PC. Überall hängen Kleidungsstücke am Bügel. „Das sind die Musterteile, mit denen wir gerade arbeiten.“ Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit festen Lieferanten: „Die kennen unseren Standard“, erklärt Beltner: „Die ersten Proto‘s kommen nach 2 - 3 Wochen ins Haus und werden gefittet. Einkäufer, Schnittmacher und Designer stellen erste Überlegungen an: Entspricht der Schnitt dem Entwurf? Sind Verarbeitung und Waschung in Ordnung? Selten herrscht Einigkeit.“ Beltner weiter: „Später hängen die SMS-Muster im Showroom und die Manager von Peek & Cloppenburg wählen die Styles aus und verhandeln mit den Bekleidungsingenieuren den Preis, während der Einkäufer mit Lieferanten verhandelt und die Order an die Produzenten übergibt.“  

Modellmacher Frederik Beltner: „Für den Großteil der Kollektion haben wir einen separaten Stoffeinkauf, wo das Qualitätsmanagement eine große Rolle spielt: In der Strick-Jersey-Abteilung ist das zum Beispiel die Frage nach hohen Peeling-Werten: Winzige Knötchen, die sich nach dem Tragen des Wollpullis in einer Art Automatismus bilden, mindern die Qualität der Ware deutlich.“ Aber es geht auch darum, die „Zutaten“ für die Kollektion zu koordinieren. Organisatorisch ist das Team Buying & Production nach bestimmten Produktgruppen, wie zum Beispiel Denims, also Jeansstoffe, und nach Lieferanten gesplittet – nicht jedoch nach HAKA/ DOB. Elisabeth Kühn, Junior-Buyer Woven Women, die nach ihrer Studienzeit bei Marc O'Polo als Trainee anfing und heute als Senior-Managerin Product Management bei Tom Tailor in Hamburg arbeitet: „Im Testlabor finden erste Schadstoffmessungen statt. Wurde der Farbstoff gefiltert? Reißen die Nähte ein? Oder müssen die geplanten Arbeitsschritte bei der Produktion geändert werden?” Gerade die Azubis bei Marc O'Polo sind immer wieder gerne bereit, auf freiwilliger Basis Probeteile in der Freizeit einige Tage zu tragen, um die Qualität zu testen. Ein Einstieg ist über eine Ausbildung oder ein Trainee-Programm möglich.

Wie gestalte ich meine Jacke, damit die Membrane besonders gut funktioniert? Eine Frage, die Textilingenieure bei W. L. Gore Associates GmbH in Putzbrunn bei München stets im Hinterkopf haben. „Wir produzieren unser absolut wasserdichtes, atmungsaktives Textil-Laminat zwar als Meterware auf Rollen. Aber was wir auch mit verkaufen, das ist unser Erfahrungswissen, unser Know-how: Wie man das Material näht, klebt oder insbesondere tapt“, erklärt Dianina Atanasova vom EU-Recruiting Team: „Unsere Kunden, wie adidas, PUMA oder Schöffel, die dürfen nur in den vom W. L. Gore lizensierten Fabriken GORE-TEX verarbeiten. Denn W. L. Gore übernimmt nach einer Qualitätsprüfung immer auch eine Garantie für seine Produkte. Und erst dann dürfen unsere Partner ihr Produkt auf dem Markt platzieren.“

Research Development Textile, genannt „Gore Fabrics“, ist aber nur eine von vier Divisionen mit rund 50 Mitarbeitern am Standort Putzbrunn. „Unsere Chemieingenieure und Materialwissenschaftler forschen daran, wie wir die Laminate ständig weiterentwickeln können. Zum Beispiel, dass Jacken nicht mehr rascheln“, sagt Swantje Scholz, HR, anlässlich der ConTexMe an der Hochschule Reutlingen. Zur Unternehmenskultur des Familienbetriebs, der 1958 als Startup gegründet wurde, gehören eher kleine Laborteams und der direkte Kontakt 1:1, weil man so am schnellsten innovative Produkte entwickeln kann. Erwartet werden insbesondere Eigendynamik und -initiative. Und die Unternehmenssprache ist Englisch. Das Unternehmen bietet jährlich hundert Studentenstellen für Praxissemester mit anspruchsvollen Projekten, für Werkstudenten und für Trainees. Außerdem Ausbildungsplätze, z.B. als Industriekaufmann/ frau oder als Textillaborant/in. Erwartet wird eine Online-Bewerbung nach amerikanischem System, d.h. ohne Fotos mit kurzen Zeugnissen. „Es gibt ein Telefoninterview und am Bewerbertag ist jemand vom Fachbereich dabei“, sagt Scholz.     

Mode an der HTW Berin: Studierende in Bekleidungstechnik/Konfektion im Labor Schnitttechnik

Mode an der HTW Berin: Studierende in Bekleidungstechnik/Konfektion im Labor Schnitttechnik Foto: Uwe Kästner

 

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