Schreiner werden

Das Wichtigste in Kürze

  1. Ausbildung an der Berufsfachschule für Holz und Gestaltung in Garmisch-Partenkirchen

  2. Das Berufsgrundschuljahr Holz (BGJ)

  3. Ausbildungsbetriebe in München - von der Bayer. Staatsoper bis zum Deutschen Museum

  4. Weiterbildung zum Staatlich geprüften Raum- und Objektdesigner - ohne Abitur

Vom Schreiner zum Staatlich geprüften Raum- und Objektdesigner

„Schreiner verdienen ihr Geld mit der Arbeit an der Maschine“, sagt Fachlehrer und Schreinermeister Fritz Heißwolf, der an der Berufsfachschule für Holz und Gestaltung des Bezirks Oberbayern in Garmisch-Partenkirchen das erste Ausbildungsjahr unterrichtet. „Gestaltung und Konstruktion sind in unserer Ausbildung jedoch das Wichtigste.“ Der Schüler lernt hier früh, nach dem Kundengespräch erste Entwürfe zu entwickeln, das Material auszuwählen und zu beschaffen, zu konstruieren, zu kalkulieren. Und das erste eigene Möbelstück, mit dem er sich voll identifiziert, werbewirksam zu fotografieren. Insgesamt hundertfünfzig Schülerinnen und Schüler gehen in die Garmischer Schulen für Holz und Gestaltung.

„Handwerk ist nicht gleich Handwerk“, findet Roger Mandl, Dozent für Interior Design und Visuelle Kommunikation an den SHG. „Wenn dem Entwurf und seiner Umsetzung anzusehen ist, dass sich der gedankliche Aufwand für Gestaltung und Konstruktion in allen seinen Details wiederspiegelt, wird das besondere Wissen um die Materialien und ihre Verarbeitung deutlich.“ Mandl hat an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Innenarchitektur studiert. „Du bist live dabei, wenn jedes Jahr siebzehn neue Gesellenstücke und 36 anspruchsvolle Meisterstücke entstehen“, ergänzt Max (18), Schüler im zweiten Jahr: „Da ist das Angebot in Richtung Ideenfindung sehr groß, was man nutzen kann.“ 

77 Jugendliche haben sich zuletzt auf die jährlich 17 Plätze an der Schreinerschule beworben (1: 4,5) – 50 Abiturienten, 20 Kandidaten mit Mittlerem Schulabschluss und 7 Mittelschüler mit „Quali“: „Es ist schwierig, gute Mittelschüler zu finden“, entschuldigt sich Heißwolf. „Wir empfehlen die zehnte Klasse. Das ist von der Reife her leichter.“ Vom 15.02.23 bis 01. März 2023 muss die Mappe im Format A3 mit Freihandzeichnungen, Technischen Zeichnungen sowie Fotos von eigenen Bastelarbeiten eingereicht werden. Die Schule gibt für 2023 ein abstraktes Thema („Volumen“) oder ein konkretes Thema („Stauraum“) zur Wahl vor: Wie ein „roter Faden“ zieht sich idealerweise das Thema durch die Mappe. Hinzu kommen weitere fünf- vom Thema unabhängige -, freie Arbeiten mit Urheberrechtserklärung. Zusammen also 15 Blätter mit Inhaltsverzeichnis und Rücksendeporto.

„Der handgeschriebene Lebenslauf sollte in Fließtext verfasst sein“, erklärt Andi, Berufsfachschüler im ersten Ausbildungsjahr. „Und die Hülle der Mappe fertigt man besser selbst.“ Heißwolf „Das ist ein Gesamtwerk. Man sieht schon am Aufbau der Mappe und der Auswahl der Arbeiten, was man von dem Bewerber erwarten kann.“ Bei Abiturienten mit Kunst in der Oberstufe oder Studienabbrechern aus der Architektur wird ein völlig anderer Maßstab angelegt, als bei einem 16-jährigen. „Ich würde mir bei der Bewerbung an einer Schreinerschule ein Foto von einem selbst gebauten Regal oder einem Vogelhäuschen wünschen“, ergänzt Heißwolf. Man sieht an der dazugehörenden Technischen Zeichnung in ihrer Symmetrie, ob jemand genau arbeiten kann und mag.“ 6 – 8 Arbeiten reichen Fritz Heißwolf für eine Meinungsbildung. Digitale Datenträger werden nicht geöffnet. Anhand der Mappe, die mit 10% ins Gesamtergebnis einfließt und der Schulnoten in Deutsch, Mathe, Kunst bzw. Technisch Zeichnen, werden die 50 Kandidaten ausgewählt, die am 23./24.03.2023 zur Aufnahmeprüfung nach Garmisch eingeladen werden: Los geht’s mit einem kleinen Test zum

1.     Räumlichen Vorstellungsvermögen:

-        Welche Abwicklung stellt einen Würfel dar?

-        Flächenzählen: Wie viele Flächen hat der Quader?

-        Holzverbindungen: Passen Schlitz und Zapfen zusammen?    

2.     Gestalterisches Zeichnen: Alle sitzen im Kreis um einen Tisch herum und zeichnen mit Bleistift eine Schrage und einen Ulmer Hocker – jeder aus seiner Perspektive. Schüler Andi: „Ich denke, dass die richtigen Proportionen wichtiger sind, als eine perfekte Kreuzschraffur.

3.     Konstruktiv-technisches Zeichnen: Ulmer Hocker aus der Perspektive zeichnen. „Freihand ist besser, als mit Lineal“, legt sich Heißwolf fest. Aber mit Bemaßung.

4.     Praktische Prüfung: Holzkasten aus Fichte anhand Technischer Zeichnung anfertigen – Verbindungen werden genagelt. Schüler Andi: „Da wird nicht viel Fachkompetenz vorausgesetzt. Aber gerade sägen sollte man können.“ Fachlehrer Heißwolf: „Anstelligkeit und Ergebnis der zweistündigen Prüfung fließen mit 30% ins Gesamtergebnis ein.

5.     Fachgespräch mit zwei Lehrkräften: Der Bewerber wird für 10 – 15 Minuten aus der Prüfung herausgeholt. Thematisiert werden die Motivation und die Mappe. Und es wird angesprochen, wenn einzelne Zeichnungen auf zwei verschiedene Handschriften hinweisen. „Wir versuchen, eine homogene Gruppe zu bilden“, sagt Lehrkraft Fritz Heißwolf. „Mit der Freude am Schreinerhandwerk ist man dann unter Seinesgleichen. Das ist ganz anderes, als während der Schulzeit.“

Die Aufnahmeprüfung für Schreiner findet am 23./24.03.2023 in Garmisch zeitgleich mit der Staatl. Berufsfachschule in Berchtesgaden und der Städt. BFS für das Holzbildhauerhandwerk in München und der in Oberammergau statt, um Mehrfachbewerbungen auszuschließen. Schüler Andi: „Viele wissen nicht, dass man schon mit einem kleinen Vorpraktikum entscheidende Punkte für die Aufnahmeprüfung sammeln kann.“ Heißwolf: „Diese Praktikumsplätze sind sehr begehrt. Wir können jährlich bis zu zwanzig Praktikanten betreuen. Das ist für beide Seiten ein Gewinn.“ Zu Schuljahresbeginn im September/ Oktober läuft der Praktikant eine Woche lang als „18. Schüler“ einfach mit, Mitten im Jahr bekommt er in Fachpraxis dagegen eigene (leichtere) Aufgaben. Während der Schulferien ist ein Praktikum nicht möglich.

Zwei Theorietage fallen im ersten Ausbildungsjahr an. Mit Fachpraxis in der Summe wöchentlich 40 Unterrichtsstunden zu je 45 Minuten. In Deutsch, Sozialkunde und Kunstgeschichte werden die Schreiner mit den Holzbildhauern gemeinsam unterrichtet. Heißwolf: „Religion und Sport bieten wir nicht an, dafür einen vollen Tag Zeichnen.“ Zu Beginn der Ausbildung wird mit Massivholz gearbeitet. Mit Furnier eher selten. Als erstes entsteht eine Kiste, die im Lauf des Schuljahres mit immer neuen Werkstücken gefüllt wird. Das Besondere: Unterschiedlichste Techniken zeigen, wie etwa die gezinkte Schwalbenschwanzverbindung. Die Arbeitsproben sind geeignet für ein späteres Bewerbungsgespräch. Ende Januar startet ein erster Maschinenkurs an der Schleifmaschine, wo als Basics ein Hängeschränkchen und später Schubmöbel entstehen. Gerne genutzt werde die Möglichkeit, unter Aufsicht abends länger – bis 18:30 Uhr – am Projekt zu arbeiten. Die Schüler der Schreinerschule kommen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, Österreich und der Schweiz. Max aus Tegernsee hat eine große Wohnung in Garmisch für 500 EUR gemietet, das Zimmer in einer WG kostet um die 300 EUR. Und wer Rasenmähen und Schneeschippen will, darf mit deutlich günstigeren Angeboten, als in München, rechnen. Nach ersten Erfahrungen mit Reißschiene und Zeichenbrett werden verschiedene Zeichenprogramme am Computer zum Werkzeug. Das Gesellenstück zeichnet später keiner mehr von Hand. Heißwolf: „Kerbschnitzen ist ein Fach, das von einem Holzbildhauer unterrichtet wird und viel Geduld verlangt.“ Schüler Max: „So viel nun auch nicht. Ich habe nur 2 – 3 Stunden für das Muster im Brett gebraucht, das später in eine Haustür eingefügt wird.“ Er schmunzelt: „Aber das muss der Kunde nicht wissen.“ Drei Tage sind die Schüler auch auf einer Hütte in den Bergen, wo sie zusammen kochen, die Fensterläden und das Windbrett reparieren und als Gruppe so richtig zusammenwachsen. Reale Projekte für Kunden entstehen bereits im 2. Jahr, wo die Schüler erste Kundengespräche führen und vor Ort Aufmaß nehmen. Die Eigenverantwortung steigt. Und es finden erste Arbeiten an der nagelneuen CNC-Anlage statt, deren Anschaffungswert bei einer halben Mio. EUR lag. „Die Schule soll keine Konkurrenz zum örtlichen Schreiner-Handwerk sein. Und wir dürfen keine Werbung dafür machen, dass wir Kundenaufträge annehmen“, erklärt Toni Weckerle, Ausbilder im zweiten Jahr. „Einen bestimmten Mindestbetrag muss die Schule jedoch jährlich selbst erwirtschaften. Aber jeden Auftrag übernehmen wir auch nicht!“ Max: „Die Stimmung hier ist wahnsinnig gut. Und alle Lehrer sind sehr nett zu uns.“

Neben der schulischen Ausbildung in Garmisch ist in München natürlich auch die klassische betriebliche Ausbildung zum Schreiner möglich: Egal ob Mittelschüler oder Abiturient  - los geht’s in jedem Fall mit dem Berufsgrundschuljahr Holztechnik an der Städtischen Berufsschule für Holztechnik und Innenausbau in der Liebherr Straße, sechs Minuten vom Isartor, mit wöchentlich 37 Stunden Unterricht, davon die Hälfte Fachpraxis sowie vier Wochen Betriebspraktikum. Vergabe der Plätze in der Reihenfolge der Anmeldung ab Mitte April 2023. Wer vor den Sommerferien keinen Platz mehr bekommt, kommt mit Gastschulantrag an der Staatlichen Berufsschule Dachau im BGJ-Holz unter. Etwa die Hälfte aller Absolventen finden einen betrieblichen Ausbildungsplatz für das 2. und dritte Ausbildungsjahr im Schreinerhandwerk, wobei die Betriebe mehrheitlich in den Stadtteilen und dem Umland angesiedelt sind. Zu den bekannten Ausbildungsbetrieben gehören die Bayerische Staatsoper, das Bayerische Staatsschauspiel, die Münchener Kammerspiele, das Deutsche Museum (aktuelle Stellenausschreibung), Bavaria Studios Art Department, das Deutsche Patent- und Markenamt in München oder Handwerksbetriebe, wie etwa die Schreinerei Würzburger als eher größerer Betrieb. Und im Norden Studio Babelsberg.     

Neben der Schreinerausbildung wird an den Schulen für Holz und Gestaltung in Garmisch-Partenkirchen jährlich vier Jugendliche ein Platz an der Berufsfachschule für Holzbildhauer im neuerrichteten Nebenhaus angeboten, das durch eine verglaste, freischwebende Brücke mit dem 150 Jahre alten Hauptgebäude verbunden ist. Diese Absolventen bewerben sich später an der Akademie der Bildenden Künste, so wie etwa Luis Höger, wollen als Restaurator vergoldete Holzobjekte der Nachwelt erhalten oder freiberufliche Theaterplastiker beim TV werden.

Um Planung, Gestaltung und Konstruktion von Räumen und Objekten geht es bei der Weiterbildung an der Fachakademie, die in zwei Jahren zum Staatlich geprüften Raum- und Objektdesigner ausgebildet. Das Dachgeschoss der Schule wurde zu zwei atelierähnlichen Studios für die beiden Studienjahrgänge ausgebaut. Unter dem schrägen Dach sind ganz individuelle Arbeitsplätze, ausgestattet mit einem eigenen iMac entstanden, die an eine Art „persönliche Nische“ erinnern. „Mit ‚Objekt‘ sind Prototypen aus dem Industriedesign gemeint, während ‚Raum‘ neben Innenarchitektur auch den klassischen Messebau beinhaltet“, erklärt Roger Mandl. So haben die Studierenden der Fachakademie für den Rosenheimer Küchentechnikhersteller BORA im Rahmen eines Ideenwettbewerbs sehr anspruchsvolle Entwürfe für einen Messestand geliefert, mit dem sich das Unternehmen auf der Mailänder Messe „EuroCucina“ präsentiert hat. In dem Entwurfskonzept „Die Zahnärztin“ geht es um für ein neues Wartezimmer. Das Problem: Bisher gibt es in dem engen Raum zu wenige Sitzgelegenheiten für die 6 – 8 wartenden Patienten. Durch eine massive Bank, komplett an den Wänden entlang, soll mehr Platz im Raum geschaffen werden. „Ich wurde auch zur Aufnahmeprüfung in Industriedesign an der Hochschule München und der OTH Regensburg zugelassen“, erzählt Student Sebastian stolz. „Aber mit dem Abschluss der Fachakademie habe ich viel bessere Jobchancen im Schreinerhandwerk, als ein Industriedesigner.“ Kommilitone Michael ergänzt: „Wir sind hier viel näher an der Praxis und die Ausbildung ist auch kürzer.“ Sebastian interessiert sich für die Arbeit in einem Planungsbüro für Holzbau. Bei Entwürfen für die Neugestaltung von Hotelzimmern für "Kloster Seeon" am Chiemsee konnte er erste Erfahrungen in diesem Bereich sammeln, die auf der IMM Cologne, der internationalen Einrichtungsmesse, ausgestellt wurden Mit einer Planfeststellungsbefugnis der Architektenkammer kann Sebastian als Absolvent der Fachakademie allerdings erst nach einigen Jahren Berufserfahrung rechnen. Innenarchitekt und Dozent an der Fachakademie Roger Mandl: „Die Mehrzahl der Absolventen geht in große Schreinereien, wie etwa zum Daxenberger. Oder in den Messebau.“

Das Curriculum der Fachakademie ist modularisiert und weist für jedes Modul ECTS-Credits aus. „Hochschulen, wie die Hochschule Coburg, haben die Zeit an der Fachakademie in mehreren Fällen voll auf den Bachelor in Innenarchitektur angerechnet“, sagt Roger Mandl. Und der Schulleiter: „Unser Ziel ist der Status einer eigenen Hochschule. Aber eine Filiale von Rosenheim wollen wir auf keinen Fall werden.“

Die Fachakademie für Raum- und Objektdesign steht Handwerksmeistern im Schreiner-, Zimmerer- und Raumausstatter-Handwerk offen. Zwei Teilnehmer mit Fachabitur wurden in diesem Jahr auch ohne Gesellen- oder Meisterprüfung zugelassen. Denn die Zahl der Bewerber hält sich – im Gegensatz zur Berufsfachschule - in Grenzen. Als Aufnahmeprüfung ist der Prototyp eines bestimmten Möbelstücks, der etwas Drehbares (z.B. Tür) und eine Schublade zum Schieben enthält, mit CAD zu entwerfen – Arbeitszeit 8 Stunden. „Bewerber, die vor zehn Jahren ihren Gesellen- oder Meisterbrief abgelegt haben und CAD nicht beherrschen, nehmen wir nicht“, betont Mandl unmissverständlich. „Da lassen wir den Platz lieber frei.“  

Schreiner-Ausbildung an der Berufsfachschule für Holz und Gestaltung in Garmisch-Partenkirchen: Kerbschnitzen - Max gestaltet eine Haustür für einen Garmischer Kunden

Schreiner-Ausbildung an der Berufsfachschule für Holz und Gestaltung in Garmisch-Partenkirchen: Kerbschnitzen - Max gestaltet eine Haustür für einen Garmischer Kunden Foto: Uwe Kästner

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