So kommt die Bundesliga ins Wohnzimmer: Sportjournalismus an der Deutschen Sporthochschule in Köln
Das Wichtigste in Kürze
Sport im Hörfunk - mit Konstantin Klostermann an der Kölner SpoHo
Unterwegs nach Köln
Unter Sportlern studieren - der Campus in Müngersdorf
Sportfotografie als handlungsorientiertes Modul
Beim SID Sportinformationsdienst Köln als Praktikant oder Werkstudent Erfahrungen im Studium sammeln
TV-Sportjournalismus
Sporteignungstest an der SpoHo
Absolventen, wie Dunja Hayali oder Boris Büchler
Diese Nachricht trifft die Fans mitten ins Mark. Ihr geliebter Fußball wurde Opfer von Wettbetrügern. „Millionen hören euch aufmerksam zu“, erklärt Konstantin Klostermann. „Denn der Appetithappen als Vorschaltsatz ist der „Earcatcher“. Wir schreiben fürs Radio. Und nicht für die Zeitung.“
Im 7. Stock des Instituts für Kommunikations- und Medienforschung thematisiert Konstantin Klostermann „News – Die Nachricht“. Foto: Uwe Kästner, Studien- & Berufsberatung.
Sport im Hörfunk heißt das Seminar im 3. Semester Sportjournalismus. Konstantin Klostermann ist hauptberuflich Sportreporter beim Aktuellen Sportstudio des ZDF. Und bei Radio Köln, das live aus dem Carlswerk sendet. Er berichtet regelmäßig über die Kölner Haie. Oder den „Effzeh“, wenn er nicht als Lehrbeauftragter an der Deutschen Sporthochschule, der SpoHo, unterwegs ist. Klostermann ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. „Schon als Kind habe ich zuhause in unserer Wohnung alle großen Sportereignisse nachgespielt und kommentiert.“1999 kam er zum Studium nach Köln und blieb. „Ich habe das Leben sofort geliebt und kann auch Karneval.“ Nach einem Praktikum bei Radio Köln war er mit dem Radio-Virus endgültig infiziert und volontierte zwei Jahre bei dem Sender.
Sport im Hörfunk heißt das Seminar im 3. Semester Sportjournalismus. Foto: Uwe Kästner, Studien- & Berufsberatung
Im 5. Stock des Instituts für Kommunikations- und Medienforschung thematisiert er heute „News – Die Nachricht“. 25 Studierende sitzen im PC-Schulungsraum 3. In Zeiten von Smartphones ist das Radio schon lange nicht mehr die erste Informationsquelle. Aber wie kann ich den Hörer trotzdem packen?
Jetzt eine Nachricht über die Gesamtschule Rodenkirchen. Dort wird die modernste Turnhalle in der EU am Vormittag eröffnet. „Das interessiert bestenfalls Schüler, Lehrer und Eltern. Und ihr erreicht maximal fünftausend Hörer“, so Klostermann. Besser: Dreckige Toiletten und stinkende Umkleiden – das sind Verhältnisse, die jeder Kölner kennt. Aber in Rodenkirchen ist das jetzt anders. Die modernste Turnhalle Europas wird heute eröffnet. „Im Aufbau der Nachricht kommen die Hard-News mit dem wichtigsten an den Anfang und für die weitere Gliederung gilt das Prinzip der abnehmenden Wichtigkeit“, erklärt Klostermann. „Aber dieser erste Vorschaltsatz wirkt mit seiner Erklärung wie ein Earcatcher auf den Hörer.“
4:27 mit dem ICE bis Köln Messe/ Deutz über Frankfurt Flughafen. Von dort mit der Straßenbahn 1 bis Junkersdorf – vierzehn Halt in 23 Minuten. Wer nach Bildern von der SpoHo sucht, sieht meist den repräsentativen Haupteingang zum Hörsaalgebäude, das 2025 komplett erneuert wird. Oder eine Luftaufnahme vom Sportpark Müngersdorf mit viel Grün und den zahlreichen Sportstätten, aus denen „der Turm“ mit 357 Wohnheimplätzen für 260 EUR – all inclusive – herausragt. Und dem RheinEnergieStadion des 1. FC Köln, das gar nicht zur Hochschule gehört. Typisch sind Kleingruppen-Seminare mit sportbegeisterten jungen Leuten aus ganz Deutschland. Und integrierte Lehrveranstaltungen, wo die Zeit wie im Flug vergeht. BWL an der Wirtschaftsfakultät und Sport isoliert davon mit völlig anderen Hochschullehrern, das ist typisch für die meisten deutschen Hochschulen. Auch für die Spökos in Bayreuth. Und wenn man das dreimal umrührt, hat man Sportmanagement auf dem Teller. An der SpoHo wird Sportjournalismus mit Lehrbeauftragten aus der Praxis, wie etwa Konstantin Klostermann von Radio Köln, integriert als zentraler Inhalt des Studiums angeboten. Ergänzend werden an mehreren Schnittstellen gemeinsame Vorlesungen, z.B. in Sport-Marketing oder Sport- und Medienrecht angeboten. Oder als Profilvertiefung gemeinsame Kleingruppenseminare mit dem B.A. Sport und Leistung, z.B. in Fußball – Theorie und Praxis. Neben den zahlreichen Sporthallen auf dem riesigen, bewaldeten grünen Gelände gibt es 21 unterschiedliche Institutsgebäude, wie etwa das NawiMedi. Ein nagelneues, repräsentatives Haus mit zahlreichen Unterrichtsräumen und den Lehrstühlen aus Sportmedizin und Psychologie. Hier werden Studiengänge, wie der M.Sc. in Sportphysiotherapie oder der englischsprachige M.Sc. Sportpsychologie angeboten. Oder das Institut für Kommunikation und Medienforschung mit seinem PC-Schulungsraum – direkt an der Haltestelle der Linie 1.
Zentraler Teil der SpoHo ist eine überdachte Ost-West-Verbindung quer durch den grünbewaldeten Campus. Foto: Uwe Kästner, Studien- & Berufsberatung
Zentraler Teil der SpoHo ist jedoch eine überdachte Ost-West-Verbindung quer durch den grünbewaldeten Campus, der vom Hörsaalgebäude, der Mensa und dem Biergarten bis zum Schwimmzentrum und dem Gästehaus der SpoHo führt, wo ich bei der Sporteignungsprüfung für 74 EUR für zwei Nächte preiswert übernachten kann. Hier sind vier schlichte weiße Container angesiedelt, wo ein Großteil der Seminare stattfindet. Zum Beispiel die Schreib- und Medienwerkstatt mit Dr. Mark Ludwig, eine Kooperation mit der Kölnischen Rundschau, wo Recherche, Interviewtechniken oder Produktionsabläufe geübt und trainiert werden. Oder Sportfotografie mit Dr. Sabine Gottgetreu: „Über ‚Grundlagen der visuellen Kommunikation‘ und technische Inszenierung – von Blende bis Tiefenschärfe - sind wir jetzt zur Themenfindung für ein individuelles Fotoprojekt gekommen: Ein Portrait – oder „Meine Sportart“ – eine Fotoreportage mit 5 – 10 Motiven als Übung.“
Studierende des 2. Semesters Sportjournalismus an der Kölner SpoHo im Modul Sportfotografie Foto: Uwe Kästner
Grundlage für Bewegtbilder ist das Modul „TV-Journalismus“ von Jens Diestelkamp. Der kommt vom Kölner Sport-Informationsdienst SID, größte deutsche Sport-Nachrichtenagentur. Und Content-Lieferant für nahezu alle großen Sender, Streamingdienste sowie Zeitungsverlage – von A wie ARD oder Axel Springer bis Z wie ZDF - und Tochter der französischen AFP- Wettbewerber der dpa Deutsche Presse Agentur.
„Der SID ist ein Dienstleister mit 75 Festangestellten, rund 100 Freiberuflern und jährlich 4 Redaktions-Volontären, die über eine Reportage zu drei vorgegebenen Themen, einen Sportwissens-Test und ein Interview mit den Redaktionsleitern ausgewählt werden“, sagt Ralph Durry, Redaktionsleiter Fußball und seit 39 Jahren dabei. Viele SpoHo-Studierende arbeiten frühzeitig als freie Mitarbeiter oder als Praktikanten für den SID, wie z.B. der Düsseldorfer Fortuna-Fan Moritz Löhr, der nach seiner Studienzeit Redakteur beim SID wurde: „Die Arbeitszeit kann zwischen 06:00 und 24:00 Uhr liegen. In der Frühschicht bist du in der Redaktionskonferenz mit dem Chef vom Dienst dabei, später bist du als VJ mit der Kamera allein unterwegs. Zum Beispiel auf einer Pressekonferenz oder der Jagd nach einem Interview. Die Bilder werden hier am Kölner Ursulaplatz gemeinsam angeschaut und dann geschnitten.“ Der SID hat auch im Münchener Olympiapark eine Redaktion mit fünf Mitarbeitern.
Der SID ist ein Nachrichten-Dienstleister. Viele SpoHo-Studierende arbeiten in der Agentur als freie Mitarbeiter oder Praktikanten. Foto: Uwe Kästner, Studien- & Berufsberatung
Unter Leitung von Jens Diestelkamp, Lehrbeauftragter im Modul TV-Journaliismus, wurden mehrere Beiträge zum Thema "So funktioniert Sportjournalismus" entwickelt, etwa
Zurück bei Sport im Hörfunk mit Konstantin Klostermann: „Ich habe euch für die nächsten zwanzig Minuten einen Arbeitsauftrag mitgebracht: Das Märchen „Hänsel und Gretel“. Eigentlich ein Kriminalfall: …als nun eine Teuerung kam, beschlossen die armen Eltern ihre Kinder im Wald zurück zu lassen. Am nächsten Morgen wachten Hänsel und Gretel hungrig auf. Sie entdeckten ein seltsames kleines Häuschen. Das Dach war mit süßem Kuchen gedeckt. Plötzlich öffnete sich die Tür und eine hässliche, steinalte Frau mit einem Stock kam heraus. Die Alte war eine böse Hexe und sperrte den armen Hänsel in einen kleinen Stall. Sie wollte ihn braten und fressen, wenn er fett genug war (…) Da stieß Gretel mit aller Kraft die Hexe in den Ofen hinein und schlug die Tür hinter ihr zu. Die böse Hexe musste in ihrem eigenen Backofen verbrennen.
Konstantin Klostermann will, dass jeder an seinem PC aus dem Märchen eine sendetaugliche Radio-Nachricht entwickelt. „Verwendet grammatikalisch den Perfekt. Und es darf nicht abgelesen klingen.“ Nach 20 Minuten werden die Lösungen präsentiert:
Verwahrloste Kinder verbrennen Kannibalin bei lebendigem Leib: Wie ein Kölner Polizeisprecher bestätigt hat, (…). Klostermann: „Eine Schlagzeile als Opener für eine komplexe Geschichte ist eine gute Lösung.“
Wie ein Polizeisprecher bestätigt hat, haben Eltern aus Not ihre Kinder ausgesetzt… Klostermann: „Nein, ich will den Plot als Kern der Geschichte ganz vorne hören!“
Kuchenliebhabern dürfte diese Nachricht gar nicht schmecken: Zwei Kinder haben die alte Konditorin getötet. Sie verteidigten sich: Die alte Hexe wollte uns braten. Den Eltern dürften Konsequenzen drohen, weil sie ihre Kinder wiederholt vernachlässigt haben.
Klostermann: „Noch besser filtern: Was ist der Plot? Und wer ist der Täter: Hexe oder Kinder? Merkt ihr, wie manipulierte Nachrichten entstehen? Das ist Stimmungsmache aus einer ganz spezifischen Sichtweise. Und nicht neutrale Berichterstattung.“
Klostermann gibt einen Ausblick auf den weiteren Verlauf des Semesters: „Für das Eishockey-Spiel der Kölner Haie in der Lanxess-Arena in Deutz müssen wir uns noch akkreditieren. Ich schneide im Anschluss alle eure guten Beiträge aus eurer Live-Berichterstattung zusammen. Vor allem, wenn’s etwas zu schmunzeln gibt. Wir hören uns alles gemeinsam an und besprechen die Kurzreportage. Neunzig Sekunden von jedem.“ In der Woche danach ist ein Besuch bei Radio Köln mit Sprechübungen in der Kabine geplant. Die Modulprüfung im Januar ist ein ähnlicher Beitrag: Mit Musik und O-Tönen unterlegt. Und Teilen von Interviews. Alles zusammengeschnitten auf 2,5 Minuten. Das Thema „Live-Reportage funktioniert nur, wenn ihr mittendrin seid und beschreibt, was ihr erlebt“, betont Klostermann nach der Pause: „Was seht ihr? Was riecht ihr? Und welche Gefühle dominieren? Eine gründliche Recherche ist wichtig für die logische Reihenfolge, den roten Faden.“ Klostermann versucht, mit einem szenischen Einstieg das Kellerduell im Fußball zu beschreiben: „RheinEnergieStadion: Die Umkleide der Geißbock-Elf. Ich gehe einige Meter und höre Schritte. Mache die Tür auf. Der Geruch von Schweiß kommt mir entgegen…“. Klostermann empfiehlt eine plastische Sprache im Präsens: „Stockdunkel“, „blitzschnell“, „knöcheltief“. Oder: „Rappelvoll“. Und: Keine Zahlen. Besser Vergleiche. Aber: „So groß, wie zwölf Fußballfelder“ ist abgelutscht.
Dann geht es um den Wechsel in der Sprache: Bei Lautstärke, Temperament oder Tempo: „Wie schafft ihr das? Indem ihr mit der Stimme spielt: Mal laut, mal emotional.“ Das ist es auch, was Live-Reportage so spannend macht. Der Wechsel zwischen live und Hintergründen on Air. „Der „Effzeh“ ist schon seit vier Partien ohne Tor.“ Wenn nichts passiert, dann einfach eine Analyse des Geschehens: „Den Fans lag schon zweimal der Torschrei auf den Lippen…“. Er warnt vor martialischer Sprache bei einem beherzten Kampf: „Der Sturmtank durchbricht den Abwehrriegel der Wölfe. Die Schlinge zieht sich immer weiter zu.“ Dagegen im Live-Sport erlaubt: Verkürzen der Sprache oder Auslassen von Wörtern. Und: Früh da sein. Die Technik checken. Erste Eindrücke sammeln, sich warmsprechen und die Muskulatur lösen: „Körpersprache ist etwas ganz wichtiges“, so Klostermann. „Wenn ich kommentiere, stehe ich immer. Denn der Brustkorb hat dann vielmehr Volumen. Natürlich ist eure Körpersprache auch zu hören!“ Wenn etwas unklar ist und der Schiri viel Zeit braucht: Alle Notfallszenarien durchspielen. „Die Ängste des Zuschauers so ansprechen, dass Bilder im Kopf entstehen. Und bei einem 0:0 nicht lautstark aus dem Sessel springen.“
Der Sporteignungstest an der SpoHo: Auf die Plätze! Fertig! Los! Härtetest an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Wer hier Sportjournalismus studieren will, sollte fit sein bei einem Prüfungsmarathon mit vielen Hürden und anspruchsvollen Dozenten. An nur einem Tag werden über zehn Stunden lang 20 unterschiedliche Disziplinen getestet. Nur bei einer einzigen Übung darf sich der Sportler einen Fehler erlauben. Weshalb mehr als die Hälfte versagen. Fünf Klimmzüge sind beim starken Geschlecht natürlich eine Frage der Ehre. Aber schon beim Kugelstoßen zeigt sich, dass die Kugel häufig geworfen und nicht gestoßen wird. Nächste Station Schwimmen. Bei kaum einer Sportart gehen so viele baden, wie beim Sprung ins kalte Wasser. Graul ist an der SpoHo eine Wissenschaft für sich, bei der ich absolute Perfektion oder wenigstens körperliche Lernfähigkeit zeigen muss. Und ein Antritt in Bermuda-Shorts oder gar Turnhosen kostet weit mehr als nur 2 Sekunden auf hundert Meter. Gelächter beim Gerätturnen: „Die laufen ja wie die Kamikazeflieger. Und springen dann voll gegen das Pferd.“ Am Ende muss jeder Dinge tun, die er lieber lassen würde: Beim 3.000-Meter-Lauf als Finale rennen alle um ihren Studienplatz, bis auch die letzten Kräfte aufgebraucht sind. Viele zum ersten Mal überhaupt. Sehr schön dokumentiert in einem dreiteiligen Video von Spiegel TV, das an Aktualität nichts verloren hat. Doch die Sieger im Sporttest müssen auch nach zehn Stunden Power noch zittern: Denn der NC in Sportjournalismus lag in der AdH-Quote zuletzt bei 2,5.
Mit einem gemeinsamen Basisstudium, das für alle gleich ist, geht es im Oktober im ersten Semester an den Start: In Trainingswissenschaft thematisiert Dr. Heinz Kleinöder, Experte für EMS-Training, in seiner Vorlesung in Hörsaal 1 vor allem Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Schnelligkeit und Koordination als motorischen Größen. Welche Kräfte bei welchen Verletzungsmechanismen wirken, wird dagegen in Biomechanik erklärt. Weitere Module sind u.a. Grundlagen journalistischer Kommunikation, Audiovisuelle Kommunikation, Online Kommunikation, Aspekte der Sportkommunikation, Marketing oder Sport- und Medienrecht.
Dunja Hayali ist Moderatorin des ZDF heute journal und Absolventin in Sportjournalismus der Kölner SpoHo - hier mit dem Autor dieses Beitrags. Foto: privat
Die Sportjournalisten Dunja Hayali oder Boris Büchler, beide ZDF, sind bekannte Absolventen der Kölner SpoHo.