Architektur: Der “Weiße Saal”
Das Wichtigste in Kürze
Auswahlverfahren in Architektur an der TUM Technische Universität München
Von Entwerfen und Gestalten bis Architekturzeichnen - die Studieninhalte
Der “Weiße Saal”
Das Auslandsjahr
Bauvorlageberechtigung durch die bayerische Architektenkammer
Technische Universität München TUM, Arcisstraße, 5. Stock: Hier befindet sich der „Weiße Saal“. Ein Atelier mit Dachterrasse. Für zwei Semester das „Zuhause“ der Architekturstudenten. 24 Stunden täglich über eine Zahlenkombination zugänglich. Drei Nachmittage betreute Projektarbeit. Vor Präsentationen geht’s oft bis spät in die Nacht. Auch Partys und Feste werden reichlich gefeiert. Jeder hat seinen eigenen Arbeitsplatz. „Das formt das ‚Wir-Gefühl‘“, ergänzt Moritz. Etwas Vergleichbares sucht man an anderen Hochschulen vergebens.
Studienplatzbewerbung in Architektur an der TUM School of Engineering and Design
Rund 780 Schüler haben sich zuletzt beworben – teilweise ohne die obligatorischen Zeichnungen, Fotos und Entwürfe. Nach Auswahl über Abi-Note (80%) und Mappe wurden 150 Direktzulassungen ausgesprochen. Weitere 300 Kandidaten erhielten die Einladung zu einem Auswahlgespräch bei einem der Professoren. Von 330 Zulassungen erschienen Mitte Oktober ganze 205 Erstsemester, davon 134 Mädchen:
Studienverlauf
Hörsaal 0360 am „Goldenen Engel“ der TUM, Ecke Luisen-/ Gabelsbergerstraße. Hier ist donnerstags zwei Semester lang der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Denn richtig zeichnen kann eigentlich kaum jemand. Deshalb bietet die TUM „Entwerfen und Gestalten“ an. Die Sonne blinzelt schräg zum Fenster herein. Dr.-Ing. Peter Schmid zeichnet mit Kreide an der Tafel: „Mit zunehmender Entfernung wird die Tiefe verkürzt wahrgenommen…“ Schmid erklärt, wie die Fluchtpunkte zu setzen sind. „Es kommt auf die Kunst des Weglassens, auf die Abstraktion, an. Zeichnen sie immer nur ein Fenster im Detail, niemals alle…“ Die Stimmung im Saal ist angespannt. Viele wirken so, als ob sie zum ersten Mal einen Stift in der Hand halten. „Die Strichqualität ist beim Architekturzeichnen besonders wichtig“, betont Schmid. David zieht den Strich flüssig in einem Schwung von a) nach b). Ein wenig schlangenförmig sieht er schon aus. Aber ein Überschießen über den Punkt hinaus ist ohne Belang. Vor der Pause bekommt jeder noch eine kurze Kritik.
Der Montag beginnt um 14:15 Uhr mit Statik und Festigkeitslehre. „Einen Skelettbau steift man mit einer horizontalen Deckenscheibe aus“, erklärt der Prof. „Die Lastabtragung erfolgt vertikal. So kann die Windlast von vorn, aber auch von oben den Quader nicht mehr umkippen“. Am Modell zeigt er, wie die Kräfte wirken. Architekten und Tragwerkplaner bilden bei großen Bauvorhaben zwar ein Team. Aber Tragwerkplaner will hier keiner werden.
Das Fachgebiet „Holzbau“ nimmt im Modul Entwerfen und Konstruieren im zweiten Semester mit zwei vollen Tagen dagegen eine ganz zentrale Rolle ein. Am Ende der ersten Vorlesung wird folgende Aufgabe gestellt: Aus 21 laufenden Meter Holzlatten und Nägeln soll in 4er-Gruppen eine stabile Sänfte entworfen und hergestellt werden, die das Tragen einer Person ermöglicht. Belastungsprobe am Folgetag pünktlich um 16:30 Uhr im TUM-Innenhof. „Was – morgen schon?“ David und Benedict unterbrechen ihr spannendes Gespräch. „Kurzentwurf“, das hatte man irgendwo schon mal gelesen. Doch sofort ist klar: Ans Heimgehen ist heute überhaupt nicht mehr zu denken. Der nächste Tag – Anfang Mai: Bilderbuchwetter – endlich Sommer. David lacht: „Um zwei Uhr in der Nacht waren endlich die zeichnerischen Entwürfe fertig. Und dann haben wir noch vier Stunden geschlafen.“ Hundertfünfzig Mann stehen zum Gruppenfoto vor dem Audimax der TUM im Hof. Am anderen Ende – vor dem Heizkraftwerk – wird ein Tisch aufgestellt. Für Schriftliches, wie Benotung. Einer der Assistenten, 85 Kilo, macht es sich als erster in der Sänfte bequem. Eine Gasse aus Zuschauern links und rechts feuert die Träger an. Nur noch wenige Schritte bis zum Tisch. Plötzlich bricht die Sänfte krachend auseinander. Stehender Applaus. Bei der nächsten Übung vergeht den meisten dann allerdings das Lachen: Planzeichnen. Mit Zeichenschiene und Bleistift müssen zeitintensiv maßstabsgetreue Schnitte angefertigt werden.
“Das Besondere am Architektur-Studium an der TUM ist unser Auslandsjahr an einer der über 90 Partneruniversitäten auf der ganzen Welt im 5. und 6. Semester”, sagt Prof. Florian Nagler, der in München-Pasing ein eigenes Architekturbüro betreibt, im Gespräch mit Studienberater Uwe Kästner. Viele gehen für ein Jahr an die Togji University in Shanghai. Oder dorthin, wo es auch im Winter warm ist, zum Beispiel nach Barcelona. “Eine weitere Besonderheit ist die sofortige Kammerfähigkeit nach dem vierjährigen Bachelor-Studium”, erklärt Prof. Nagler: “Das bedeutet, dass unsere Bachelor-Absolventen bei der Bayerischen Architektenkammer Bauvorlagen und Baupläne zur Genehmigung einreichen dürfen.” Ein Abschluss der Hochschule München setzt dagegen den Master of Arts (M.A.) in Architektur voraus, um eine volle Bauvorlageberechtigung zu erlangen. Der Abschluss von dualen - oder Fernstudiengängen, wie etwa an der IU Internationale Hochschule führt nach Auskunft der Bundesarchitektenkammer nicht zu der Berechtigung, sich „Architekt“ nennen zu dürfen.
Hier ist der Stundenplan für das 1. Semester
Semester-Abschlusspräsentation im Modul “Entwerfen und Konstruieren” Foto: Uwe Kästner, Studien- & Berufsberatung München